Die Origami-Verschwörung (1984)

Mein Vater arbeitete damals bei einem großen Reifenhersteller in Homburg als LKW Fahrer und KFZ- Schlosser- er betont heute noch den Schlosser, wenn er davon erzählt. Alles, was er beruflich machte, hatte mit vier Rädern zu tun und mein Mann behauptet steif und fest, mein Interesse an Autos käme daher. Wahrscheinlich hat er Recht. 

Zu Anfang der 80er hatten einige im Dorf schnell erfasst, dass da jemand Autos reparieren konnte und so kam es, dass unsere Einfahrt mehr einem Parkplatz für kaputte Autos glich als einer Hofeinfahrt.

Das Haus, in dem wir wohnten, gehörte damals einem seltsamen alten Mann, über den ich- meine Erinnerungen können mich trügen- nicht viel Gutes gehört habe. Es war dessen Elternhaus und Mitte der 80er wurde es auch offiziell zu meinem. Später an der Uni lernte ich eine Mitstudentin kennen, die mir irgendwann erzählte, ihr sturer Großvater stamme auch aus Kübelberg. Und was soll ich sagen, es war der alte Kauz, dem mein Elternhaus gehört hatte- Zufälle gibt’s im Leben.

Zurück in die Achziger…

Die Autos standen also in Reih’ und Glied und ich kannte meinen Vater in dieser Zeit fast nur in Blaumann und Michelin-Jacke. Man könnte fast sagen, ich bin zwischen Opel Kadetts, Enten, Renaults und VWs aufgewachsen. Papa lag unter den Wagen und wenn ich Glück hatte, dann durfte ich mich in eines der Autos setzen und mal auf die Bremse treten oder den Blinker bedienen, damit Papa kontrollieren konnte, ob auch alles funktionierte.

Am Morgen nach unserem Schwimmbadabenteuer saß ich mit meinem Mohrenkopfweck und Kakao vor dem SchülerFeriengrogramm von ARD und ZDF und versuchte mit einem weißen Blatt Papier den Anweisungen der schwarzhaarigen Origami-Falterin ‚Frau Scheele‘ zu folgen. Der Legende nach hat jemand, der 1000 Schwäne faltet einen Wunsch frei- leider hatte ich weder an diesem Morgen, noch an irgend einem anderen Morgen Erfolg bei der Nachfalterei und von den 1000 Schwänen und der Erfüllung meines Wunsches war ich weit entfernt. Für mich blieb Origami Legende- es wollte einfach nicht funktionieren. Während ich mit dem Papier kämpfte, zeigte die freundliche Dame im Fernsehen schon den fertigen Schwan oder Tiger oder oder oder. Es war als würde sie mir persönlich die Nase lang machen. Ich habe für Basteleien bis heute kein Talent und wenn ich jemanden davon erzähle, bin ich noch auf keinen gestoßen, der in diesen Origami-Faltaktionen  erfolgreich war. Wahrscheinlich gab es eine Verschwörung, die uns Kindern vor den Fernsehern weismachen wollte, Origami wäre möglich- in Wirklichkeit war und ist es aber unfaltbar. Meine Freunde saßen mit Hausarrest zuhause und ich gab das Falten schnell wieder auf. Das Papierknäuel wanderte in den Mülleimer- ganz ohne Mülltrennung. Ich ging zu Papa in den Hof und reichte ihm ein paar Schraubenschlüssel, damit er die Bremsen an einem beigen Opel Derby wechseln konnte. Heute bedauere ich es manchmal, dass ich nicht mehr in dieser Beziehung von ihm gelernt habe. Aber den Spaß an Autos, den hab ich definitiv mitgenommen. Gegen Mittag verabschiedete ich mich zu Oma.

Die Kunde über unseren unerlaubten Ausflug hatte sich natürlich schon in der Kneipe herumgesprochen als ich zu ihr kam. Oma stand wie immer hinter dem Tresen und bediente die ersten Gäste des Tages. Opa saß mit aufgeschlagener ‚RHEINPFALZ‘ am Frühstückstisch in der Küche, die direkt an den Thekenraum angrenzte und las, was die Russen wieder angestellt hatten.

„Wo seid ihr gestern gewesen? Wir haben uns solche Sorgen gemacht. Wo wart ihr?“ Mit gesenktem Kopf versuchte ich Großmutter weiß zu machen, dass wir einfach herumgefahren waren. Sie schimpfte und schimpfte. „Tut mir leid!“ Ich versuchte sie zu beruhigen, indem ich mich einfach zurücknahm. Hilfesuchend schaute ich zu Opa in die Küche, doch sein Platz am Tisch war schon leer. „Ich glaube Opa hat nach mir gerufen, tut mir leid, wenn ich nicht komme, dann ist er sicher sauer!“ nutzte ich die Gelegenheit. „Er ist sauer wie ich!“ rief Oma mir nach und wir beide wussten, dass dem nicht so war. Opa war mir nie böse. Sein Platz war in seiner Werkstatt. Seit er von Opel verrentet worden war, bildete die Schreinerwerkstatt unter der großen Terrasse sein Refugium. Mein Großvater war ein großer Mann mit schneeweißem, lockigem Haar, das er oft mit einer „Schneppkapp“ -wie er sie zu bezeichnen pflegte- bedeckte. Er stand an der Werkbank, auf der er in seine Drechselmaschine gerade ein Stück Birkenholz eingespannt hatte. Die Schutzmaske über seiner dicken Hornbrille aus den 1960er Jahren, nahm er eine Schruppröhre, um dem Stück Holz die Grundform zu geben. Breite Späne flogen durch die Luft und das Surren der Drechselbank füllte den Raum. Er reichte mir wortlos eine Schutzbrille und arbeitete weiter. Ich liebte es ihm zuzuschauen, wenn er das Holz formte. Großvater war ein Künstler damit. Seine große Leidenschaft war zwar nie zu einem Beruf geworden, doch füllte sie ihn jetzt, da er in Rente war voll aus. 

Opa war ein Freigeist. Er war unkonventionell und starrsinnig, liebevoll und warmherzig in einem. Er liebte Wortspiele und dichtete wild drauf los, wenn er gerade in der Stimmung dazu war. Er konnte herrisch und angeberisch sein- aber er stellte sich jeder Herausforderung. Er war ein echter „Vorderpfälzer Krischer“, den es der Liebe wegen in die Westpfalz verschlagen hatte. Seine wilden Tage waren vorbei und Opa, der von Zeit zu Zeit zu sehr dem Alkohol zusprach, fand seine Beschäftigung im Uhrenbau. Standuhren, Hängeuhren, alle maßgefertigt durch seine Hand. Noch heute steht eine seiner Standuhren bei uns zuhause und erinnert mich an Opas großes Talent.

Da standen wir nun, er und ich, in der Werkstatt. Ich, die gerade etwas ausgefressen hatte und er, der vor Kurzem wieder eines seiner Trinkgelage gefeiert hatte- beide schuldig im Sinne der Anklage. 

„Wenn man Holz formen will, dann braucht man Geduld!“ Er schaute mich an und nickte herüber. „Es gibt Leute, die meinen, man müsse sich alles aufmalen und planen bevor man eine Sache beginnt. Ich hab alles im Kopf. Er tippte sich mit dem Zeigefinger an die Mütze.“ Ich musste lächeln und er lächelte zurück. Das Stück Birkenstamm verwandelte sich immer mehr in ein Meer von Rundungen und Kanten, die Robustheit des Holzes wich der Eleganz seiner Bearbeitung. Ich war fasziniert von dem, was Großvater da machte. Irgendwann nahm er das Holz aus der Drechselmaschine und reichte mir den Besen. Ich kehrte ohne Widerrede die Werkstatt aus, während Opa schmirgelte und die Oberfläche des Drechselstücks mit Öl weich machte. Die Spanen durften nicht weggeworfen werden, sie waren perfekte Grillanzünder. Und bald war wieder Kirchweih in Kübelberg und Opa würde seinen wunderbaren Spießbraten grillen- da brauchte er sie dringend.

„Jetzt raus mit der Sprache! Wo wart ihr gestern?“ Ich schaute unter mich, damit ich ihm nicht in die Augen lügen musste. „Schau mich an, ich verrat auch nix!“ Ich wusste, dass ich ihm vertrauen konnte. Ich hob den Kopf und sagte leise „Am alten Schwimmbad!“ „Mensch Nadine, bleibt da bitte weg! Unter dem Gestrüpp liegt das alte Becken, das ist sehr gefährlich und stell dir mal vor, da wäre euch was passiert!“ Ich musste direkt an die Sache mit Grinsi denken, aber ich sagte nichts. „Ihr solltet da weg bleiben. Glaub mir, da hinten im Moor sind schon viele Sachen passiert, von denen ihr besser nix wissen solltet.“ Ich dachte über den Ärger zuhause nach. „Ich darf deswegen jetzt diese Woche keine Bonanza-Folge schauen. Jeder schimpft mit mir!“ Ich setzte mich trotzig auf die grüne Bank vor der Werkstatt. Mein Großvater überlegte einen Moment und setzte sich zu mir. Wir saßen da und schauten über den großen Garten. „Schau mal, wenn ich was anstelle und einen zuviel trinke, dann bekomme ich auch Ärger mit deiner Großmutter. Sie schimpft aber nicht, weil sie mich nicht mehr lieb hat, sondern weil sie mich noch lieb hat und sich Sorgen macht. Und genauso ist es bei dir. Man schimpft mit dir, weil man sich Sorgen gemacht hat. Wir haben dich alle sehr lieb und wären sehr traurig, wenn dir was passieren würde.“ Er blickte mich ernst an und nahm mich in den Arm. Wir blieben noch eine Zeit so sitzen, bis Oma zum Mittagessen rief. Es war Mittwoch: da gab es immer den besten Reisbrei der Welt. Wir gingen schweigend nach oben, Opa hielt meine Hand und ich die Seine. 

Veröffentlicht von Nadine Becker

Seit vielen Jahren lebe ich in der deutsch-französischen Grenzregion, in der wunderbaren Kleinstadt Sarreguemines. Mein Leben ist franco-allemand.

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