Der Tiefflieger und die KolpingBande (1984)

Noch heute ist es so, dass die Kübelberger mit zu den Ersten gehören, die wissen, wenn sich die NATO und vornehmlich die Amerikaner in einem der vielen Krisengebiete der Welt engagieren. Nicht nur, dass sich unser kleines Dorf am Rande eines der größten Munitionsdepots der Welt befindet, der Flughafen Ramstein und die US- Soldaten gehören- zwar weniger als vor 1990- aber doch noch zu unserem Straßenbild und machen es bunter. Die Amerikaner bereicherten die Westpfalz nach dem Krieg in vielerlei Hinsicht. Discos und Bars rund um Ramstein machten das Nachtleben in unserer Region erst möglich. Miesau hatte seine Disco „Sound“ , Bruchmühlbach die Bar „Moansa“. Viele Menschen fanden Arbeit bei den Amis. Unter anderem auch mein etwas seltsamer Großcousin, der sich zeitlebens weigerte mit dem Auto zu fahren. Er war für mich Anfang der 80er einer der ersten Grünen, obwohl er politisch nie organisiert war. Nun, die rechteckigen amerikanischen Nummernschilder sind von der Straße verschwunden und Kaiserslauterer Autokennzeichen gewichen, aber wenn man genau hinschaut, erkennt man die Amerikaner immer noch an den großen Pickups, den Chryslers und Dodges und manchmal auch einem Cadillac. Böse Zungen behaupten, man erkenne sie auch noch an ihrem Fahrstil. Das Krisenengagement der Amis wird vor allem am Flugverkehr über Kübelberg deutlich. Kübelberg liegt in der Einflugschneise zur Air Base Ramstein- einer amerikanischen KleinStadt in der pfälzischen Provinz. Die Air Base gilt seit April 1951 als der „Flugzeugträger Europas“ und beherbergt heute noch viele wichtige Kommandostrukturen der Nato und des amerikanischen Militärs.
Uns allen werden die Tiefflieger aus den 80ern im Gedächtnis sein. Hier beginnt meine Geschichte.


Der Hausarrest von Blendax, Grinsi und den Mikas war endlich vorbei und für mich endete eine unendlich langweilige Woche ohne Bonanza. Schon Montag früh um 9 stand Blendax vor meiner Zimmertür: „Nadine, bist du schon wach?“ Ich hatte mein Zimmer im Keller unseres Hauses, meine Glastür ging zum Hof hinaus, vor der nun Blendax mit seinem Fahrrad stand. „Mama ist schon zur Arbeit!“ sagte er „und mein Bruder ist mal wieder mit Experimenten beschäftigt! Was hast du alles in der Woche gemacht? Ich hab dich von meinem Zimmer aus manchmal gesehen, aber Grinsi und ich durften ja nicht raus!“ „Nicht viel! Ich zieh mich schnell an und komme dann raus!“ Ich rannte so schnell ich konnte ins Bad, verschlang gleich eine Schale Smacks und hechtete nach unten. Als ich wieder in mein Zimmer kam, war er nicht mehr da. Ich konnte mir schon denken, wo er sich rumtrieb. Sonntags gab es immer Taschengeld und das musste montags bei Frau Lang natürlich gleich in Süßigkeiten umgesetzt werden. Ich nahm mir mein Klapprad, schob es unsere Einfahrt hoch und radelte die Siedlung hinauf. Unser Schuster, der gute Herr Riemen stand schon auf der Straße und kehrte die Rinne. „Guten Morgen! Du bist aber früh unterwegs! Wo geht’s denn so schnell hin?“ „Zu Frau Lang!“ rief ich ihm entgegen- er lächelte und winkte, so als wüsste er die Sache mit dem Taschengeld. Vor Frau Langs Laden war geschäftiges Treiben. Der Lieferant brachte gerade frisches Obst und Gemüse- es musste alles schnell gehen. Die Sonne brannte schon am Morgen vom Himmel. Ich stellte mein Rad in den Ständer neben den Eingang und betrat den Laden. Frau Laufer und Frau Kenne standen mit ihren Einkaufskörben an der Kasse und warteten ungeduldig darauf abkassiert zu werden. Im hinteren Bereich stand Blendax- direkt vor dem Regal mit den Süßigkeiten. Aber wen sah ich da noch? Die Bande aus der KolpingStraße. Es waren vier Jungs, ein Brüderpaar und noch zwei Jungs, die in der Nähe der Brüder wohnten. „Hast du sie gesehen?“ fragte ich Blendax leise. „Nicht hinschauen! Sonst sehen sie uns!“ „Sie sehen uns auch so!“ sagte ich während ich versuchte angestrengt auf die Milkaschokolade und die Haribotüten zu schauen. „Einfach nach unten schauen!“ Blendax sah mich aus dem Augenwinkel an, dann linste er neugierig zu der Bande hinüber. „Weißt du noch, letzten Sommer? Da haben die Chrissi den Schulranzen abgenommen und vor die Schule geschüttet!“ Ich konnte mich noch genau daran erinnern. Chrissi hatte bitterlich geweint, weil zwei ihrer Schlümpfe, die sie immer in der Fronttasche ihres Ranzens bei sich trug, zerbrochen waren. So standen wir also da. Die KolpingBande sah uns natürlich, grinste, ging ganz eng an uns vorbei und drückte uns ganz lässig und „unbeabsichtigt“ gegen das Regal. Ich war froh, dass Frau Lang schnell die Bravo und den MetalHammer der zwei, drei Jahre älteren Jungs abkassierte und wir in Ruhe an das Umsetzen unseres Taschengeldes denken konnten. Für drei Mark gab es nicht besonders viel, aber wir hatten unseren Spaß. Der Laden war wie ein riesiger, Realität gewordener Kaufladen unserer frühesten Kindheit. Es gab alles, was man so brauchte. Kleine Spielsachen, ein Schüttregal, aus dem die alte Dame die Gummibärchen, Gummiwürmer und allerlei anderen Süßkram mit einer kleinen Metallschaufel herausnahm und in weiße Papiertütchen füllte. Frau Lang sah mit ihrem gütigen Gesichtsausdruck hinter ihrer alten Registrierkasse aus wie die perfekte Darstellerin einer Verkäuferin in einem Kinderfilm. Sie lächelte als sie uns am Regal sah und rief „Ich komme gleich, ihr beiden!“ Geduldig blieben wir am Regal stehen und warteten auf unsere Kaubonbons. „Das macht 70 Pfennige!“ Blendax spendierte die Runde. „Tschüss Frau Lang!“ „Tschüss ihr zwei!“.

Auf der Treppe des Ladens saß mein Cousin Alex. Er wohnte ja direkt neben an und hatte unsere Räder gesehen. „Wohin fahren wir?“ „Ich glaube wir fahren zum AmiZaun, ok?“ Blendax führte uns an und wir fuhren hinterher. Wir fuhren den Steegwooger Weg hinunter Richtung Zaun, da kam ein wahnsinnig großer amerikanischer Tiefflieger von hinten auf uns zu. Wir hörten ihn, wir spürten seine Wucht- angsteinflößend tief. Es war als könnten wir ihn mit unseren Händen berühren. Aus Angst traten wir in die Pedale, als wenn wir ihm hätten entkommen können. Er brauste über uns und über den Bruchwald. Der Schreck saß uns in allen Gliedern. Völlig außer Atem kamen wir am Zaun an. Der Flieger war weg und in der Ferne hörten wir den Knall einer durchbrochenen Schallmauer. Dann war es wieder still und in der Sommerhitze zirpten die Grashüpfer. Keiner sprach ein Wort- bis Blendax die Tüte mit den Naschereien auspackte und rief: „Dem haben wir es mal wieder gezeigt!“ „Du bist verrückt!“ rief Alex. Wir mussten lachen und griffen in Blendax Tüte. Er selbst streckte die Arme aus und machte das Flugzeug nach, das uns gerade überflogen hatte. Brrrrrrrrrrrrrrrrrrr……Wir machten alle mit bis ein Jeep auf der anderen Seite des Zauns anhielt. Zwei GIs stiegen aus und fragten uns freundlich „Everything’s ok?“ Wir antworteten nicht, wir sprangen auf unsere Räder und radelten so schnell wir konnten zurück zur Siedlung.
Zuhause herrschte Aufregung. Die amerikanische Weltraumorganisation NASA hatte ihren dritten Raumtransporter auf seinen Jungfernflug geschickt. Alle Augen blieben also nach Amerika gerichtet.

Veröffentlicht von Nadine Becker

Seit vielen Jahren lebe ich in der deutsch-französischen Grenzregion, in der wunderbaren Kleinstadt Sarreguemines. Mein Leben ist franco-allemand.

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