Sommer, Eis und KolpingBande (1984)

Die Schule sollte am 23. August wieder beginnen. Wie immer fuhren wir vorher nach Schönenberg „ins Dorf“ zu Schreibwaren Altherr, um die bestellten Schulbücher abzuholen. So auch an diesem letzten Donnerstag der Ferien. Alles war schnell erledigt, die Zettel wurden überprüft, die Listen durchgesprochen, die neuen Bücher, Hefte und Umschläge eingepackt. Mittags waren wir wieder zu Hause.

Es war warm an diesem Donnerstag, das Thermometer bescherte den Kübelbergern einen sonnigen Spätsommertag. Wie so oft stiegen Blendax, Grinsi und ich auf unser Fahrrad und fuhren zum Bolzplatz der Grundschule. Damals lag zwischen der Elisabethenstraße und der Grundschule eine Wiese mit einem Trampelpfad, den wir regelmäßig als unseren Schulweg betrachteten. Der Bolzplatz war lediglich mit rotem Split bedeckt, am hinteren Ende befand sich die Sprunggrube, bei der ich mich, während des Sportunterrichts, wenig erfolgreich im Weitsprung versuchen musste. An der Wand, die den Bolzplatz zur Schule hin begrenzte, waren die Entfernungen für die 50m- Bahn eingezeichnet. Mein dortiges Bemühen war ebenfalls weniger erfolgreich und so gereichte mein sportliches Engagement meinen Mitschülern immer wieder zu allgemeiner Belustigung.

Aber noch hatten wir Ferien und die Angst vor der Leichtatletik-Sporteinheit war nicht allzu groß. Wir fuhren also mit unseren Fahrrädern über diesen Platz und setzen uns anschließend in die der Elisabethenstraße zugewandte Ecke. Grinsi begann mit einem Stock Muster in den roten Kies zu zeichnen und wir versuchten uns gegenseitig durch immer größere Zeichnungen zu übertreffen. „Nächste Woche sind wir wieder hier!“ sagte Grinsi und er schien sich wirklich auf die Schule zu freuen. Wir würden in die vierte Klasse kommen, die letzte Klasse der Grundschule, wir würden zu den Großen gehören. Ich gehörte zwar wegen meiner Körpergröße immer zu den Großen, aber für die beiden kleineren Grinsi und Blendax bedeutete es natürlich etwas, auch mal zu den Großen -wenn auch nur alterstechnisch gesehen- zu zählen. So saßen wir da, kickten nachdem wir den Spaß an den Sandzeichnungen verloren hatten, mit Blendax’ Ball hin und her bis der Ball in die Ecke der großen Treppe, die vom Bolzplatz zum Schulhof hoch führte, flog. War ja klar, dass Blendax direkt hinterher hechtete, um weiter spielen zu können. Grinsi und ich schauten zu den Pferden meines Onkels Richtung Siedlung hinüber. Hinter unserem Rücken ging Blendax zur Treppe. Grinsi sprach gerade über den neuen Ranzen, den er für das neue Schuljahr bekommen sollte, als von hinten ein lautes „Hey ! Ihr da!“ zu uns herüber schallte. Wir erschraken und drehten uns um. Da war sie wieder, die KolpingBande stand vor uns. Einer der Größeren hatte Blendax am T-ShirtKragen gepackt und zog ihn hinter sich her. Sie waren dieses Mal zu viert. Ich kann mich genau an den Jungen erinnern, der ihr Anführer an diesem Tag war: es war der dürre Lappes- so nannten wir ihn jedenfalls. Er war ungefähr so groß wie ich. Jetzt standen wir uns gegenüber, Grinsi und ich auf der einen Seite, die KolpingBande mit dem gefangenen Blendax auf der anderen Seite. Da trat ihr Anführer auf mich zu „Hey du! Deine Oma hat doch eine Kneipe!“ Er schien mich mit seinem Blick zu fixieren. Ich hatte solche Angst, dass ich 2 oder 3 Schritte nach hinten machte, dort fiel ich dann über Grinsis Stock, mit dem er zuvor noch in den Sand gemalt hatte. Ich landete auf dem Hosenboden, da trat der Lappes über mich. Er setzte sich auf mich, hielt meine Hände fest, und drohte mir mit den Worten: „Nadine, ich weiß genau dass deine Oma Eis verkauft. Wenn du mir morgen hier um 14:00 Uhr kein Eis bringst, dann kannst du was erleben! Hast du das verstanden?“ Die anderen Kolpings standen mit verschränkten Armen, stumm um uns herum. „Ja! OK!“ stammelte ich vor mich hin. Ich spürte seinen Atem und durch die Kraft seiner Hände vermochte ich seinen ganzen Willen zu verspüren, seine Drohung wahr zu machen. Grinsi stand starr vor Angst neben mir. Lappes erhob sich, drehte sich zu seinen Jungs, klopfte ihnen auf die Schulter, während sie Richtung Treppe zum Schulhof davon gingen. „Sind sie weg? Aua, meine Schulter. Die haben ganz schön zugepackt!“ „Ja, kannst aufstehen!“ versuchte Grinsi seinen Bruder zu beruhigen. Blendax stand vom Boden auf und schüttelte den Staub von sich. Er sah mich an, neigte den Kopf und flehte: „Du musst unbedingt Eis bringen, sonst ärgern die uns immer weiter!“ Wortlos stiegen wir auf unsere Fahrräder und fuhren Richtung Siedlung davon.

An diesem Abend ging ich mit viel Bauchweh ins Bett und selbst ein Stück Schokolade konnte meinen Kopf nicht beruhigen. Ich versuchte mir in Gedanken vorzustellen, wie ich bei Oma einfach ein Eis nehmen könnte- wenn sie nicht im Kneipenraum war, waren da Gäste und wenn sie in der Küche war- über Mittag, dann war die Ecke mit der Eisbox, in der das Eis aufbewahrt wurde vom Spülstein gut einzusehen. Ich wusste nicht, wie ich es anstellen sollte: wenn ich Lappes verraten würde, dann glich mein Schulweg fortan einem Spießrutenlauf. Wenn ich ein Eis klauen würde, dann würde Oma sehr böse auf mich sein…. wenn ich kein Eis bringen würde, dann würde Lappes mich sicherlich hauen. Schwierige Lage. Da war guter Rat teuer. Doch so sehr ich mich auch in dieser Nacht hin und her wälzte, ich fand keine gute Lösung. Entweder ich blieb auf der Strecke oder ich blieb auf der Strecke. Am nächsten Tag war ich erst gegen 11 bei Oma. Sie bemerkte, das irgendwas nicht stimmte. „Alles in Ordnung?“ fragte sie mich, als ich zum gefühlten zehnten Mal die Schritte von der Eisbox bis zur Haustür zählte. „Ja, ja… alles ok!“ Um 13 Uhr gab’s was zu essen. Bratkartoffeln, Spinat und Ei- ich weiß es noch wie heute. Wir erzählten über alles Mögliche, doch der Zeiger der Uhr war gnadenlos, er rückte unentwegt auf die 14 Uhr vor und ich wusste, was das bedeutete… Doch wie sollte ich an das Eis kommen? Doch dann- so als wären meine Gebete aus letzter Nacht erhört worden- sagte Oma kurz nach dem Essen „Ich muss schnell noch meine Wäsche aufhängen! Ich bin gleich wieder da!“ Opa verabschiedete sich nach oben und so war der Weg für mich frei zur Eisbox. Ich nahm mir ein Orangenschiebeeis, schloss mit dem schlechtesten Gewissen der Welt die Box und rannte zur Tür hinaus, sprang auf mein Rad und radelte schnurstracks zum Bolzplatz. Keiner war bei mir- ganz alleine stellte ich mich der Kolpingbande. „Hast du das Eis?“ „Ja, hier ist es!“ Genüsslich nahm der Lappes das Eis an sich, entfernte das orange Papier und schleckte die Frucht der Erpressung. „Lasst ihr uns jetzt in Ruhe?“ „Mal sehen!“ Lachte er mich an. „Wenn du das nochmal machst, dann sag ich’s meiner Oma! Und dann bekommt ihr Ärger!“ Ganz verwundert darüber, dass ich nicht vor ihnen zurückwich, schauten sie mir nach, als ich nachhause radelte.

Ich kam zur Tür der Kneipe hinein, da saß mein Großvater ernst am Stammtisch und zeigte Richtung Küche. Dort stand Oma beim Abwasch. „Eben warst du aber schnell weg!“ Ich wusste, dass sie es wusste. Und in diesem Moment ging eine Schimpftirade über mich nieder, die ich so noch nie von ihr gehört hatte. Sie sei maßlos enttäuscht, dass ich mir einfach ein Eis nehmen würde und nicht zuerst fragte. Sie lies nicht locker und ich traute mich ihr nicht zu sagen, in welcher misslichen Lage ich gewesen war. Sie hatte ja Recht- aber die Kolpingbande…Ich war still und ging ihr zwei Tage aus dem Weg. Das war im Übrigen immer eine gute Taktik, sie auch bei einfacheren Streichen zu beruhigen. Irgendwann in den nächsten Tagen sprach sie dann meinen Vater an: „Es kommt jo gar ned meh runner!“ Zu meiner Überraschung verpetzte sie mich nicht. Aber die Sache mit dem Chef der Kolpingbande, dem Lappes, war noch nicht zu Ende- dieser Meinung waren Grinsi, Blendax und Chrissi auch. „Wir müssen dem das heimzahlen. Du hattest so großen Ärger!“ meinte Chrissi.

So kam es, dass wir samstags darauf mit unseren Kettcars zur Kolpingstraße fuhren. Vor dem Haus des KolpingAnführers hielten wir an und drehten kurzer Hand das Ventil des davor stehenden Fahrrads ab. Plötzlich hörten wir, wie sich die Tür öffnete und der Kolping Lappes herauskam. Wir sprangen so schnell wir konnten auf unsere Kettcars und traten in die Pedale so fest es ging- ich glaube ich war erst wieder Jahre später mit dem Auto so schnell auf vier Rädern unterwegs. Er versuchte uns hinterher zu kommen, aber seine Reifen waren platt. Und als wir weiter unten an der Kreuzung zur Elisabethenstraße waren, hörten wir ihn schreien: „Na wartet, euch krieg ich noch!“ Aber dazu musste er zuerst ein neues Ventil kaufen und den Reifen wieder aufpumpen. „Dann komm doch!“ schrie Chrissi zurück. In sicherer Entfernung hielten wir kurz an, drehten ihm eine lange Nase, lachten, steckten uns einen der vorher bei Frau Lang gekauften Lollis in den Mund und freuten uns, dass wir es ihm ein wenig heimgezahlt hatten. Die Schule konnte nun kommen. 

Veröffentlicht von Nadine Becker

Seit vielen Jahren lebe ich in der deutsch-französischen Grenzregion, in der wunderbaren Kleinstadt Sarreguemines. Mein Leben ist franco-allemand.

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