Die Siedlung- Das Quiz III

Ihr wollt euch mal ausprobieren? Dann spielt mit bei „DIE SIEDLUNG- DAS QUIZ III“ ! Einfach auf das Foto klicken- und los geht’s 😉 Viel Spaß! Zur Verlosung unter allen Teilnehmern, die bis 29.08. , 17.59 Uhr, miträtseln, stehen zwei „Kiwwelberjer Tassen“ von http://www.diesiedlung.com 🙂

Bringt ihn in die Schwarzwaldklinik (1984)

Der Sommer 1984 neigte sich dem Ende zu. Am Horizont sahen wir die Schule heraufziehen und die Leute um uns herum kehrten aus dem Sommerurlaub zurück. Die Straße war wieder lebendiger und wir mussten beim SoftballSpiel wieder öfter für durchfahrende Autos zur Seite hüpfen. Die Siedlung hatte leichtes Gefälle und so war es für uns ein großer Spaß mit dem Fahrrad die Straße herunter zu brausen. Aber jetzt, da der Verkehr wieder zu nahm, mussten wir uns auf die Einfahrten unserer Elternhäuser beschränken, um zu spielen. 

Ich war noch nie in meinem Leben sportlich, eher völlig ungeeignet, um irgendwelchen Bewegungsspielen nachzugehen. Sogar in der Schule wurde das erkannt und so musste ich eine Zeit lang früh morgens vor Schulbeginn das „Sonderturnen“ von Frau Fluss besuchen. Da wurde, während meine Freunde noch schliefen, auf umgedrehten Bänken balanciert, auf die dicken Matten gesprungen, auf Trampolins gehüpft und nicht zuletzt das Fangen und Werfen geübt. Mit Fangen und Werfen hatte ich nie Probleme, aber das Gleichgewicht zu halten, das schaff ich zum Amüsement mancher Anwesender heute noch nicht. Ich war also der klassische Fall für die „Frühsport-Sonderturn-Gruppe“ der Grundschule St. Valentin Kübelberg. Heute würden sich Eltern über diesen Ausdruck empören, doch damals war das guter pädagogisch wertvoller Schuljargon- auch das haben wir überlebt. Ich kann leider nicht mehr sagen, wer noch dabei war- wenn sich jemand erkennt, darf er mir gerne schreiben, in den Kommentaren- oder privat 😉

Nundenn, wir spielten also in unserer Einfahrt. Chrissi, Marcel, Blendax und Grinsi, Alex und ich. Im Haus schräg gegenüber wohnte Micha. Er war ein total netter Junge, ein gutes Stück älter als wir, damals für uns schon fast erwachsen. Er beobachtete uns, wie wir versuchten auf dem betonierten Teil des Hofes mit unseren Rollschuhen vorwärts zu kommen. Es blieb ihm nicht verborgen, dass ich überhaupt nicht bremsen konnte. Es wollte mir nicht gelingen, den roten Stopper meiner Unterschnall—„mitwachs“-Rollschuhe zum Bremsen auf den Boden zu bekommen. Ständig knallte ich an das Garagentor, und das rummste jedes Mal so laut, dass es wahrscheinlich die ganze Siedlung hören konnte. Der Hund unserer Nachbarn bellte jedes Mal, wenn es schepperte. Der arme Pascha. 

Micha stand also da und schaute sich das Treiben an. Wir besaßen nicht alle Rollschuhe und so gab ich auch meine im Laufe des Nachmittags immer wieder weiter. Da gab es nur ein Problem: Ich hatte damals schon Schuhgröße 38 und die anderen etwa 3 Größen kleiner. Wir konnten die Schrauben, die zum richtigen Einstellen der Rollschuhe hätten gelöst werden müssen, nicht aufdrehen und so blieben meine Rollschuhe immer in Größe 38- egal wer gerade damit fuhr. „Pass auf Marcel!“, Sabine, die älteste der Mikas, versuchte den Überblick zu behalten und stand in der Mitte unseres Hofes und regelte den RollschuhVerkehr. „Kannst du mir mit den Kleinen helfen?“ rief Sabine Micha zu. „Ja, klar! Ich komme!“ Er wechselte die Straßenseite zu uns herüber. Nun war Micha schon 16 oder 17 und das was wir da vollführten weckte in ihm großes Mitleid. Als Großer und als geübter Rollschuhfahrer wollte er uns das „richtige“ Rollschuhfahren beibringen. Stolz zitierte er uns an den Anfang unserer Einfahrt, die damals zu Dreiviertel mit rotem Schotter und nur im unteren Bereich mit Betonguss befestigt war. „Jeder von euch lernt jetzt richtig Rollschuhfahren!“ bekräftigte Micha seine Absicht. „Ihr fährt nacheinander die Einfahrt runter und ich fang euch unten auf! Nadine, du lernst die Sache mit dem Bremsen auch noch!“ Grinsi und Blendax machten den Anfang. Sie versuchten auf dem Schotter mit ihren Rollschuhen Griff zu bekommen und rammten die Rollschuhe wie Spikes in den roten Schotter. Nacheinander fuhren sie unter dem Applaus der anderen in Michas Arme. Chrissi und der kleine Marcel schafften es auch- zu erst Chrissi, dann Marcel- mit meinen übergroßen Anschnallrollschuhen ins sichere Ziel- Micha fing sie auf. Und wieder jubelten alle. Dann kam ich. Eher langsam schreitend gelangte ich kniezitternd unten an und schaffte es aus der fast nicht vorhandenen Geschwindigkeit- fast aus dem Stand- zum ersten Mal mit dem Stopper zu bremsen. Jubel allerorts in unserem Hof- ich hatte es geschafft.

Oben am Anfang der Einfahrt stand noch Alex. Er zog sich die Rollschuhe über und trat an als hätte er in seinem Leben noch nichts anderes gemacht. Der Staub wirbelte auf und hinter ihm war die imaginäre Wolke des Roadrunners aus den LooneyTunes zu sehen. Wir feuerten ihn an und er gab alles. „Kooooom iiiiichh faaaaang diiiiich aaauuuuf! KKKKeiiine AAAngst!“ Micha war fest entschlossen und bewegte sich wie ein Tormann hin und her, um meinen Cousin zu fangen. Nahe an unserem Haus hielt in diesem Moment der grüne VW Bully des Eismännchens und hupte. Alex erschrak sich, strauchelte, er verlor das Gleichgewicht, die viel zu großen Rollschuhe entzogen sich seiner Kontrolle. Wir sahen ihn wie in Zeitlupe über den Beton beschleunigen und dann mit einem entsetzlichen Krachen stürzen. Ein lauter Schrei drang an unsere Ohren. Da lag er nun wie Eddy the Eagle nach einem missglückten Ski-Sprung Jahre später bei Olympia in Calgary. Micha stand immer noch mit offenen Armen da und war fassungslos, dass er Alex nicht hatte retten können. Aber wir hatten trotzdem Glück, dass er da war. „Alex! Alles ok?“ Grinsi beugte sich über Alex und wir knieten um  ihn herum. „Kannst du aufstehen?“ fragte Chrissi „Mach bloß keinen Mist! Du kannst doch weiter spielen, oder?“ Aber Alex konnte unseren Fragen nicht antworten- zu groß war der Schmerz „Mein Bein! Mein Bein!“ „Komm, Micha, pack mit an- wir tragen Alex hoch ins Haus!“ rief mein Vater, der Alex’ Schrei drinnen gehört hatte und zu uns in den Hof eilte. Mit Papa zusammen brachte Micha den guten Alex in unser Wohnzimmer auf die braune Cordcouch. Der weinte und weinte, weil er solche Schmerzen im Bein hatte. Schnell wurde das gekühlt und Marie, seine Mama angerufen. Ich schaltete ihm unseren Fernseher an, um ihn abzulenken- mein Vater nahm einen der eingefrorenen Osterhasen aus dem Gefrierschrank und versuchte den armen Verletzten zu beruhigen. Ich weiß bis heute nicht, warum er die Osterhasen und Nikoläuse damals einfror, aber für solche Augenblicke war es gut eine Notration Schokolade im Haus zu haben- nicht nur für Alex- wir alle hatten Nervennahrung notwendig. Im Hintergrund lief ausgerechnet die Schwarzwaldklinik. Und während wir Alex und uns selbst gegenseitig mit der eiskalten Schokolade und guten Worten zu beruhigen suchten, behandelten Prof. Dr. Brinkmann und sein Sohn Udo ihre Patienten im bekanntesten Krankenhaus der 80er.

Ein paar Minuten dauerte es, da fuhr Alex’ Mama schon mit ihrem krachneuen weißen Peugeot 205 vor. Der Unglücksrabe wurde zwar nicht in die Schwarzwaldklinik, aber doch ins Krankenhaus nach Homburg verfrachtet. Unser Nachmittag war gelaufen. Am nächsten Tag saß dann mein Cousin mit einem gebrochenem Bein und einem Gips -auf den wir alle neidisch waren- bei Oma in der Kneipe. Dort lag Jahre zuvor mein Großvater im Gipsbett, nachdem er sich Silvester 1980 im angeschwippsten Zustand bei eisglatter Herzogstraße auf ein Duell auf Rollschuhen eingelassen hatte. Ein Gast hatte ihn in der Kneipe herausgefordert und da er als „de Hammer“ keine Herausforderung oder Wette ablehnte, fuhr er todesmutig unter den anfeuernden Rufen der anderen Kneipenbesuchern mit Kinderrollschuhen die Herzogstraße hinunter. Es endete- wie es enden musste: im Gipsbett. Böse Zungen würden behaupten, dass Rollschuhe also keine adäquaten Sportgeräte für unsere Familie sind. Alex hatte das auch begriffen und stieg wenig später auf sein neues Skateboard um. Schluss war also mit dem Rollschuhfahren für diesen Sommer- für mich wesentlich angenehmere „Sitz-Sportarten“ wie Quartettspiel standen mit Alex jetzt auf dem Plan. Die Sommerferien schienen gelaufen, aber ob das wirklich so war, lest ihr nächste Woche hier auf http://www.diesiedlung.com.

Die Siedlung- Das Quiz II

Ihr wollt euch mal ausprobieren? Dann spielt mit bei „DIE SIEDLUNG- DAS QUIZ II“ ! Einfach auf das Foto klicken- und los geht’s 😉 Viel Spaß! Zur Verlosung unter allen Teilnehmern, die bis 22.08. , 17.59 Uhr, miträtseln, stehen zwei „Kiwwelberjer Tassen“ von http://www.diesiedlung.com 🙂

Der Tiefflieger und die KolpingBande (1984)

Noch heute ist es so, dass die Kübelberger mit zu den Ersten gehören, die wissen, wenn sich die NATO und vornehmlich die Amerikaner in einem der vielen Krisengebiete der Welt engagieren. Nicht nur, dass sich unser kleines Dorf am Rande eines der größten Munitionsdepots der Welt befindet, der Flughafen Ramstein und die US- Soldaten gehören- zwar weniger als vor 1990- aber doch noch zu unserem Straßenbild und machen es bunter. Die Amerikaner bereicherten die Westpfalz nach dem Krieg in vielerlei Hinsicht. Discos und Bars rund um Ramstein machten das Nachtleben in unserer Region erst möglich. Miesau hatte seine Disco „Sound“ , Bruchmühlbach die Bar „Moansa“. Viele Menschen fanden Arbeit bei den Amis. Unter anderem auch mein etwas seltsamer Großcousin, der sich zeitlebens weigerte mit dem Auto zu fahren. Er war für mich Anfang der 80er einer der ersten Grünen, obwohl er politisch nie organisiert war. Nun, die rechteckigen amerikanischen Nummernschilder sind von der Straße verschwunden und Kaiserslauterer Autokennzeichen gewichen, aber wenn man genau hinschaut, erkennt man die Amerikaner immer noch an den großen Pickups, den Chryslers und Dodges und manchmal auch einem Cadillac. Böse Zungen behaupten, man erkenne sie auch noch an ihrem Fahrstil. Das Krisenengagement der Amis wird vor allem am Flugverkehr über Kübelberg deutlich. Kübelberg liegt in der Einflugschneise zur Air Base Ramstein- einer amerikanischen KleinStadt in der pfälzischen Provinz. Die Air Base gilt seit April 1951 als der „Flugzeugträger Europas“ und beherbergt heute noch viele wichtige Kommandostrukturen der Nato und des amerikanischen Militärs.
Uns allen werden die Tiefflieger aus den 80ern im Gedächtnis sein. Hier beginnt meine Geschichte.


Der Hausarrest von Blendax, Grinsi und den Mikas war endlich vorbei und für mich endete eine unendlich langweilige Woche ohne Bonanza. Schon Montag früh um 9 stand Blendax vor meiner Zimmertür: „Nadine, bist du schon wach?“ Ich hatte mein Zimmer im Keller unseres Hauses, meine Glastür ging zum Hof hinaus, vor der nun Blendax mit seinem Fahrrad stand. „Mama ist schon zur Arbeit!“ sagte er „und mein Bruder ist mal wieder mit Experimenten beschäftigt! Was hast du alles in der Woche gemacht? Ich hab dich von meinem Zimmer aus manchmal gesehen, aber Grinsi und ich durften ja nicht raus!“ „Nicht viel! Ich zieh mich schnell an und komme dann raus!“ Ich rannte so schnell ich konnte ins Bad, verschlang gleich eine Schale Smacks und hechtete nach unten. Als ich wieder in mein Zimmer kam, war er nicht mehr da. Ich konnte mir schon denken, wo er sich rumtrieb. Sonntags gab es immer Taschengeld und das musste montags bei Frau Lang natürlich gleich in Süßigkeiten umgesetzt werden. Ich nahm mir mein Klapprad, schob es unsere Einfahrt hoch und radelte die Siedlung hinauf. Unser Schuster, der gute Herr Riemen stand schon auf der Straße und kehrte die Rinne. „Guten Morgen! Du bist aber früh unterwegs! Wo geht’s denn so schnell hin?“ „Zu Frau Lang!“ rief ich ihm entgegen- er lächelte und winkte, so als wüsste er die Sache mit dem Taschengeld. Vor Frau Langs Laden war geschäftiges Treiben. Der Lieferant brachte gerade frisches Obst und Gemüse- es musste alles schnell gehen. Die Sonne brannte schon am Morgen vom Himmel. Ich stellte mein Rad in den Ständer neben den Eingang und betrat den Laden. Frau Laufer und Frau Kenne standen mit ihren Einkaufskörben an der Kasse und warteten ungeduldig darauf abkassiert zu werden. Im hinteren Bereich stand Blendax- direkt vor dem Regal mit den Süßigkeiten. Aber wen sah ich da noch? Die Bande aus der KolpingStraße. Es waren vier Jungs, ein Brüderpaar und noch zwei Jungs, die in der Nähe der Brüder wohnten. „Hast du sie gesehen?“ fragte ich Blendax leise. „Nicht hinschauen! Sonst sehen sie uns!“ „Sie sehen uns auch so!“ sagte ich während ich versuchte angestrengt auf die Milkaschokolade und die Haribotüten zu schauen. „Einfach nach unten schauen!“ Blendax sah mich aus dem Augenwinkel an, dann linste er neugierig zu der Bande hinüber. „Weißt du noch, letzten Sommer? Da haben die Chrissi den Schulranzen abgenommen und vor die Schule geschüttet!“ Ich konnte mich noch genau daran erinnern. Chrissi hatte bitterlich geweint, weil zwei ihrer Schlümpfe, die sie immer in der Fronttasche ihres Ranzens bei sich trug, zerbrochen waren. So standen wir also da. Die KolpingBande sah uns natürlich, grinste, ging ganz eng an uns vorbei und drückte uns ganz lässig und „unbeabsichtigt“ gegen das Regal. Ich war froh, dass Frau Lang schnell die Bravo und den MetalHammer der zwei, drei Jahre älteren Jungs abkassierte und wir in Ruhe an das Umsetzen unseres Taschengeldes denken konnten. Für drei Mark gab es nicht besonders viel, aber wir hatten unseren Spaß. Der Laden war wie ein riesiger, Realität gewordener Kaufladen unserer frühesten Kindheit. Es gab alles, was man so brauchte. Kleine Spielsachen, ein Schüttregal, aus dem die alte Dame die Gummibärchen, Gummiwürmer und allerlei anderen Süßkram mit einer kleinen Metallschaufel herausnahm und in weiße Papiertütchen füllte. Frau Lang sah mit ihrem gütigen Gesichtsausdruck hinter ihrer alten Registrierkasse aus wie die perfekte Darstellerin einer Verkäuferin in einem Kinderfilm. Sie lächelte als sie uns am Regal sah und rief „Ich komme gleich, ihr beiden!“ Geduldig blieben wir am Regal stehen und warteten auf unsere Kaubonbons. „Das macht 70 Pfennige!“ Blendax spendierte die Runde. „Tschüss Frau Lang!“ „Tschüss ihr zwei!“.

Auf der Treppe des Ladens saß mein Cousin Alex. Er wohnte ja direkt neben an und hatte unsere Räder gesehen. „Wohin fahren wir?“ „Ich glaube wir fahren zum AmiZaun, ok?“ Blendax führte uns an und wir fuhren hinterher. Wir fuhren den Steegwooger Weg hinunter Richtung Zaun, da kam ein wahnsinnig großer amerikanischer Tiefflieger von hinten auf uns zu. Wir hörten ihn, wir spürten seine Wucht- angsteinflößend tief. Es war als könnten wir ihn mit unseren Händen berühren. Aus Angst traten wir in die Pedale, als wenn wir ihm hätten entkommen können. Er brauste über uns und über den Bruchwald. Der Schreck saß uns in allen Gliedern. Völlig außer Atem kamen wir am Zaun an. Der Flieger war weg und in der Ferne hörten wir den Knall einer durchbrochenen Schallmauer. Dann war es wieder still und in der Sommerhitze zirpten die Grashüpfer. Keiner sprach ein Wort- bis Blendax die Tüte mit den Naschereien auspackte und rief: „Dem haben wir es mal wieder gezeigt!“ „Du bist verrückt!“ rief Alex. Wir mussten lachen und griffen in Blendax Tüte. Er selbst streckte die Arme aus und machte das Flugzeug nach, das uns gerade überflogen hatte. Brrrrrrrrrrrrrrrrrrr……Wir machten alle mit bis ein Jeep auf der anderen Seite des Zauns anhielt. Zwei GIs stiegen aus und fragten uns freundlich „Everything’s ok?“ Wir antworteten nicht, wir sprangen auf unsere Räder und radelten so schnell wir konnten zurück zur Siedlung.
Zuhause herrschte Aufregung. Die amerikanische Weltraumorganisation NASA hatte ihren dritten Raumtransporter auf seinen Jungfernflug geschickt. Alle Augen blieben also nach Amerika gerichtet.

Die Origami-Verschwörung (1984)

Mein Vater arbeitete damals bei einem großen Reifenhersteller in Homburg als LKW Fahrer und KFZ- Schlosser- er betont heute noch den Schlosser, wenn er davon erzählt. Alles, was er beruflich machte, hatte mit vier Rädern zu tun und mein Mann behauptet steif und fest, mein Interesse an Autos käme daher. Wahrscheinlich hat er Recht. 

Zu Anfang der 80er hatten einige im Dorf schnell erfasst, dass da jemand Autos reparieren konnte und so kam es, dass unsere Einfahrt mehr einem Parkplatz für kaputte Autos glich als einer Hofeinfahrt.

Das Haus, in dem wir wohnten, gehörte damals einem seltsamen alten Mann, über den ich- meine Erinnerungen können mich trügen- nicht viel Gutes gehört habe. Es war dessen Elternhaus und Mitte der 80er wurde es auch offiziell zu meinem. Später an der Uni lernte ich eine Mitstudentin kennen, die mir irgendwann erzählte, ihr sturer Großvater stamme auch aus Kübelberg. Und was soll ich sagen, es war der alte Kauz, dem mein Elternhaus gehört hatte- Zufälle gibt’s im Leben.

Zurück in die Achziger…

Die Autos standen also in Reih’ und Glied und ich kannte meinen Vater in dieser Zeit fast nur in Blaumann und Michelin-Jacke. Man könnte fast sagen, ich bin zwischen Opel Kadetts, Enten, Renaults und VWs aufgewachsen. Papa lag unter den Wagen und wenn ich Glück hatte, dann durfte ich mich in eines der Autos setzen und mal auf die Bremse treten oder den Blinker bedienen, damit Papa kontrollieren konnte, ob auch alles funktionierte.

Am Morgen nach unserem Schwimmbadabenteuer saß ich mit meinem Mohrenkopfweck und Kakao vor dem SchülerFeriengrogramm von ARD und ZDF und versuchte mit einem weißen Blatt Papier den Anweisungen der schwarzhaarigen Origami-Falterin ‚Frau Scheele‘ zu folgen. Der Legende nach hat jemand, der 1000 Schwäne faltet einen Wunsch frei- leider hatte ich weder an diesem Morgen, noch an irgend einem anderen Morgen Erfolg bei der Nachfalterei und von den 1000 Schwänen und der Erfüllung meines Wunsches war ich weit entfernt. Für mich blieb Origami Legende- es wollte einfach nicht funktionieren. Während ich mit dem Papier kämpfte, zeigte die freundliche Dame im Fernsehen schon den fertigen Schwan oder Tiger oder oder oder. Es war als würde sie mir persönlich die Nase lang machen. Ich habe für Basteleien bis heute kein Talent und wenn ich jemanden davon erzähle, bin ich noch auf keinen gestoßen, der in diesen Origami-Faltaktionen  erfolgreich war. Wahrscheinlich gab es eine Verschwörung, die uns Kindern vor den Fernsehern weismachen wollte, Origami wäre möglich- in Wirklichkeit war und ist es aber unfaltbar. Meine Freunde saßen mit Hausarrest zuhause und ich gab das Falten schnell wieder auf. Das Papierknäuel wanderte in den Mülleimer- ganz ohne Mülltrennung. Ich ging zu Papa in den Hof und reichte ihm ein paar Schraubenschlüssel, damit er die Bremsen an einem beigen Opel Derby wechseln konnte. Heute bedauere ich es manchmal, dass ich nicht mehr in dieser Beziehung von ihm gelernt habe. Aber den Spaß an Autos, den hab ich definitiv mitgenommen. Gegen Mittag verabschiedete ich mich zu Oma.

Die Kunde über unseren unerlaubten Ausflug hatte sich natürlich schon in der Kneipe herumgesprochen als ich zu ihr kam. Oma stand wie immer hinter dem Tresen und bediente die ersten Gäste des Tages. Opa saß mit aufgeschlagener ‚RHEINPFALZ‘ am Frühstückstisch in der Küche, die direkt an den Thekenraum angrenzte und las, was die Russen wieder angestellt hatten.

„Wo seid ihr gestern gewesen? Wir haben uns solche Sorgen gemacht. Wo wart ihr?“ Mit gesenktem Kopf versuchte ich Großmutter weiß zu machen, dass wir einfach herumgefahren waren. Sie schimpfte und schimpfte. „Tut mir leid!“ Ich versuchte sie zu beruhigen, indem ich mich einfach zurücknahm. Hilfesuchend schaute ich zu Opa in die Küche, doch sein Platz am Tisch war schon leer. „Ich glaube Opa hat nach mir gerufen, tut mir leid, wenn ich nicht komme, dann ist er sicher sauer!“ nutzte ich die Gelegenheit. „Er ist sauer wie ich!“ rief Oma mir nach und wir beide wussten, dass dem nicht so war. Opa war mir nie böse. Sein Platz war in seiner Werkstatt. Seit er von Opel verrentet worden war, bildete die Schreinerwerkstatt unter der großen Terrasse sein Refugium. Mein Großvater war ein großer Mann mit schneeweißem, lockigem Haar, das er oft mit einer „Schneppkapp“ -wie er sie zu bezeichnen pflegte- bedeckte. Er stand an der Werkbank, auf der er in seine Drechselmaschine gerade ein Stück Birkenholz eingespannt hatte. Die Schutzmaske über seiner dicken Hornbrille aus den 1960er Jahren, nahm er eine Schruppröhre, um dem Stück Holz die Grundform zu geben. Breite Späne flogen durch die Luft und das Surren der Drechselbank füllte den Raum. Er reichte mir wortlos eine Schutzbrille und arbeitete weiter. Ich liebte es ihm zuzuschauen, wenn er das Holz formte. Großvater war ein Künstler damit. Seine große Leidenschaft war zwar nie zu einem Beruf geworden, doch füllte sie ihn jetzt, da er in Rente war voll aus. 

Opa war ein Freigeist. Er war unkonventionell und starrsinnig, liebevoll und warmherzig in einem. Er liebte Wortspiele und dichtete wild drauf los, wenn er gerade in der Stimmung dazu war. Er konnte herrisch und angeberisch sein- aber er stellte sich jeder Herausforderung. Er war ein echter „Vorderpfälzer Krischer“, den es der Liebe wegen in die Westpfalz verschlagen hatte. Seine wilden Tage waren vorbei und Opa, der von Zeit zu Zeit zu sehr dem Alkohol zusprach, fand seine Beschäftigung im Uhrenbau. Standuhren, Hängeuhren, alle maßgefertigt durch seine Hand. Noch heute steht eine seiner Standuhren bei uns zuhause und erinnert mich an Opas großes Talent.

Da standen wir nun, er und ich, in der Werkstatt. Ich, die gerade etwas ausgefressen hatte und er, der vor Kurzem wieder eines seiner Trinkgelage gefeiert hatte- beide schuldig im Sinne der Anklage. 

„Wenn man Holz formen will, dann braucht man Geduld!“ Er schaute mich an und nickte herüber. „Es gibt Leute, die meinen, man müsse sich alles aufmalen und planen bevor man eine Sache beginnt. Ich hab alles im Kopf. Er tippte sich mit dem Zeigefinger an die Mütze.“ Ich musste lächeln und er lächelte zurück. Das Stück Birkenstamm verwandelte sich immer mehr in ein Meer von Rundungen und Kanten, die Robustheit des Holzes wich der Eleganz seiner Bearbeitung. Ich war fasziniert von dem, was Großvater da machte. Irgendwann nahm er das Holz aus der Drechselmaschine und reichte mir den Besen. Ich kehrte ohne Widerrede die Werkstatt aus, während Opa schmirgelte und die Oberfläche des Drechselstücks mit Öl weich machte. Die Spanen durften nicht weggeworfen werden, sie waren perfekte Grillanzünder. Und bald war wieder Kirchweih in Kübelberg und Opa würde seinen wunderbaren Spießbraten grillen- da brauchte er sie dringend.

„Jetzt raus mit der Sprache! Wo wart ihr gestern?“ Ich schaute unter mich, damit ich ihm nicht in die Augen lügen musste. „Schau mich an, ich verrat auch nix!“ Ich wusste, dass ich ihm vertrauen konnte. Ich hob den Kopf und sagte leise „Am alten Schwimmbad!“ „Mensch Nadine, bleibt da bitte weg! Unter dem Gestrüpp liegt das alte Becken, das ist sehr gefährlich und stell dir mal vor, da wäre euch was passiert!“ Ich musste direkt an die Sache mit Grinsi denken, aber ich sagte nichts. „Ihr solltet da weg bleiben. Glaub mir, da hinten im Moor sind schon viele Sachen passiert, von denen ihr besser nix wissen solltet.“ Ich dachte über den Ärger zuhause nach. „Ich darf deswegen jetzt diese Woche keine Bonanza-Folge schauen. Jeder schimpft mit mir!“ Ich setzte mich trotzig auf die grüne Bank vor der Werkstatt. Mein Großvater überlegte einen Moment und setzte sich zu mir. Wir saßen da und schauten über den großen Garten. „Schau mal, wenn ich was anstelle und einen zuviel trinke, dann bekomme ich auch Ärger mit deiner Großmutter. Sie schimpft aber nicht, weil sie mich nicht mehr lieb hat, sondern weil sie mich noch lieb hat und sich Sorgen macht. Und genauso ist es bei dir. Man schimpft mit dir, weil man sich Sorgen gemacht hat. Wir haben dich alle sehr lieb und wären sehr traurig, wenn dir was passieren würde.“ Er blickte mich ernst an und nahm mich in den Arm. Wir blieben noch eine Zeit so sitzen, bis Oma zum Mittagessen rief. Es war Mittwoch: da gab es immer den besten Reisbrei der Welt. Wir gingen schweigend nach oben, Opa hielt meine Hand und ich die Seine. 

Fünf Freunde und die Suche nach dem verwunschenen Schwimmbad

Meine Kindheit spielte sich in vielen Räumen ab- vor allem in einem: dem Gasthaus meiner Großmutter mit dem großen Stammtisch und all den illustren Gästen, die mehr oder weniger im Rausch mit Großmutter über die Welt philosophierten. Die Gaststätte war das Herzstück der Siedlung, fast wie eine kleine Burg, in der sich alle trafen und neue Pläne für die Zukunft besprachen oder über die Vergangenheit lamentierten. Sie war für mich ein Ort der Geschichten, düstere und heitere- ernste und lustige wurden erzählt. Dabei durfte Bier und Schnaps nicht fehlen. Sie führten dazu, dass die Zungen lose und das Verhalten der Gäste in der alten Kneipe mir oft sonderbar schienen. 

Juli 1984

Aus den großen Fenstern des Gasthauses, die der Straße zugewandt waren, konnte man durch die Lücke zwischen den gegenüberliegenden Häusern bis zum Horizont blicken. Dorthin, wo die Straßen endeten und der große „AmiZaun“ eine schier unüberwindbare Grenze bildete. An diesen seltsamen Ort trieb es mich mit meinen Freunden oft. Wir stiegen auf unsere Räder und strampelten -eine für kurze Beine Weltreise- hin zum mysteriösen Zaun, der den Bruchwald von uns trennte. Der Zaun war Teil des Army- Munitionsdepot Miesau- eine Welt, die uns Kindern völlig fern und doch so nah war.  Miesau stand für uns als Kinder für das beste Schwimmbad der Umgebung. Schwimmbad? Oma erzählte immer wieder die Geschichten vom alten Schönenberger Schwimmbad im Wald, dahinten am Amizaun. Ein Schwimmbad, das ich nur aus ihren Erzählungen kannte. Ihr müsst wissen, ich war eine Schissbux, wenn es um Abenteuer ging. Doch das Schwimmbad regte meine  kindliche Fantasie an wie kaum etwas anderes. Vielleicht könnte man da noch schwimmen? Die alten Leute in der Wirtschaft sprachen oft davon und ich wurde immer neugieriger. 

Als ich meinen Freunden vom alten Schwimmbad im Wald erzählte, waren alle ganz Ohr. Blendax lächelte breit und mir war klar, dass auch sein Bruder Grinsi mitziehen würde, wenn Blendax begeistert war. Chrissi, die Mutigste aus unserem Haufen hatte zwar kein Fahrrad, aber auf dem Gepäckträger meines orangenen Klapprades war noch Platz. Ich passte schon mit 8 nicht mehr auf ein Kinderrad und jetzt zeigte sich, dass es wirklich cool war, groß zu sein. 

Blendax schlug vor, die Suche nach dem Schwimmbad am zweiten Tag der großen Ferien zu starten. Er rechnete damit, dass er am ersten Tag noch mit Hausarrest zuhause sitzen musste- sein Zeugnis würde sehr schlecht sein. Er würde sich erst am zweiten Tag wegstehlen können, denn da arbeitete seine Mutter wieder. „Aber das muss unter uns bleiben!“ Blendax und Grinsi streckten ihre Hände nach vorne und legten sie übereinander, dann kam Chrissis Hand dazu und meine obendrauf- wir wollten es niemandem erzählen, wir schworen es. Chrissi flüsterte  zum Abschluss: „Versprochen ist Versprochen und wird nicht gebrochen!“ Es war schon spät an diesem Abend vor dem letzten Schultag, also gingen wir nachhause, Blendax mit mehr Befürchtungen als wir anderen. 

Mein Zeugnis war ganz ordentlich. Bei Blendax war das anders. Grinsi stellte ihn immer wieder mit seinen Noten in den Schatten und das führte dazu, dass Blendax nur das Notwendigste für die Schule machen wollte und so unter seinen Möglichkeiten blieb. Damals konnte ich das total verstehen, heute lachen wir alle darüber. Wenn ich zuhause in Kübelberg bin, höre ich manchmal Blendax Mutter immer noch schimpfen. Dann erinnere ich mich wieder an die Sache mit dem Schwimmbad. 

Wir trafen uns also am Morgen des zweiten Ferientags, als der Nebel noch über der Moorniederung hinter unserem Haus lag. Monika, die in der Wohnung über uns wohnte, war schon längst zur Frühschicht und hatte mich durch das Knarzen der alten Holztreppe aufgeweckt. Ohne, dass es jemand merkte, stahl ich mich mit meinem orangen Fahrrad aus dem Haus. Ich setzte mich auf die Treppe vor unserer Haustür. Wie vereinbart standen nur wenige Minuten später Chrissi, Grinsi und Blendax vor mir. „Wir müssen uns beeilen, meine Mutter geht gleich zur Bäckerei!“ forderte Chrissi uns zur Eile auf. Wir fuhren den Hubbelweg neben Grinsis und Blendax Haus hinunter zum alten Bahndamm. Dort fuhren nur noch Güterzüge, der Personennahverkehr war 1984 schon eingestellt. Am Bahndamm entlang führte ein Trampelpfad, vorbei an den drei Tannen, an denen wir uns oft herumtrieben. Der Feldweg mündete in eine geteerte Militärstraße, die direkt Richtung Amizaun führte. Die Sonne hatte den Nebel fast weggeschmolzen und ich hatte Mühe mit Chrissi auf dem Gepäckträger die Balance zu halten. Die Schlaglöcher waren tief und Chrissi hüpfte mehr auf dem Gepäckträger herum als dass sie saß. Grinsi war wie immer der Schnellste unserer Truppe. Er fuhr wie der Wind an mir vorbei drehte und fuhr wieder auf Blendax und mich zu. Ich hatte Mühe ihm auszuweichen, er war eben ein Draufgänger. Blendax lachte nur. Chrissi schlug vor am kleinen Waldstück des Großcousins meiner Großmutter kurz anzuhalten. Nur 300 m vor dem Tor zum mysteriösen Amizaun. Das Waldstück war eingezäunt, in ihm war ein kleiner Teich, den ich einmal mit meiner Großmutter besucht hatte. Ein wunderschöner Platz. Wir setzten uns an den Wegesrand und Blendax zog ein Butterbrot aus der Tasche. Ich kann mich nicht erinnern, dass er einmal ohne ein Butterbrot aus dem Haus gegangen ist. Wenn man ihn fragte, warum er immer ein Butterbrot dabei hatte, bekam man nur kurz zur Antwort, „Man kann ja nie wissen, was passiert. Und mit einem Butterbrot, hat mein Opa immer gesagt, ist man immer gut gerüstet.“ Blendax Opa war schon lange tot, aber Blendax erinnerte sich an jede einzelne Geschichte vor dem Kamin in dem alten Haus am Rande des Dorfes. Vor allem die Butterbrotgeschichte war eine sehr wichtige für ihn. Nur mit einem Butterbrot war sein Opa durch den Krieg gekommen und mit einem Butterbrot in der Hand hatte er Grinsis und Blendax Oma gefragt, ob sie ihn heiraten wollte. Und nur wegen des Butterbrots hatte sie ja gesagt. Und so betonte Blendax immer wieder, dass es ihn ohne das Butterbrot nie gegeben hätte und er deswegen auch immer eines in seiner Tasche habe. An diesem Tag biss ich ab und fand, dass das Butterbrot eine geniale Idee war. 

Ich hatte in meinem roten Rucksack zwei Flaschen Sprudel und eine Dose Orangenlimonade. Chrissi war schon früh in Frau Langs Tante EmmaLaden und hatte eine Tüte saurer Pommes gekauft. Wir waren also mit allem versorgt. „Komm schon, Nadine! Wir müssen weiter. Wer weiß, wie weit es noch bis zum verwunschenen Schwimmbad ist!“ Ich blinzelte in die Sonne und vertrieb die Mücken. Zuhause hatte ich mir eine Karte unserer Gemeinde eingesteckt und mir eventuelle Lagepunkte des Schwimmbades grün markiert. Wir mussten weiter zum AmiZaun. „Alles klar! Auf geht’s!“ Ich stieg wieder auf mein Fahrrad und wir fuhren weiter. Die Straße machte einen leichten Bogen nach rechts, um dann am neuen Wasserhäuschen, auf eine andere Panzerstraße zu treffen. Dort, wo die Straßen sich vereinten stand eine Bank, dort hatte ich schon oft gesessen. Wir hielten kurz an- vor uns das verriegelte Tor des ArmyDepots. Massiv und schwer aus glänzendem Metall versperrte es uns die Weiterfahrt. Chrissi behauptete: „Da machen die Kinderversuche! Die Amis machen da grausame Sachen!“ Blendax lachte „Wenn die dich kidnappen, dann bringen die dich morgen wieder zu deinen Eltern! Du redest dummes Zeug!“ „Oma hat erzählt, dass die Amis da Waffen lagern. Die Leute in der Kneipe sagen immer: „Wenn da was hochgeht, dann sind wir alle weg!“ „Was soll denn da hochgehen, siehst du da Bomben liegen?“ „Jungs und Mädels, wir haben einen Auftrag!“ Schallte es von hinten. Chrissis kleiner Bruder war uns nachgeradelt. „Ihr habt wohl gedacht, ich bekomm’s nicht mit, wenn ihr wegfahrt! Ich hab auch ein Handtuch zum Baden dabei!“ Wir lachten und es war klar, dass der Kleine mitkommen würde. Ich zog meine Karte heraus und zeigte den anderen den ersten grünen Punkt. „Ich bin Erster!“ rief Grinsi und bog auf einen kleinen Trampelpfad, der nach links abzweigte. Wir folgten ihm ins Dickicht. Wir versuchten an Grinsi dran zu bleiben, aber der raste wie ein Irrer durch das Gestrüpp. Die kleinen Ästchen schlugen uns ins Gesicht, so verwachsen war der Weg. Wir erreichten eine Lichtung. „Grinsi, warte auf uns, der Kleine kommt mit deinem Tempo nicht mit!“- „Der hört nicht auf dich!“ rief mir Blendax zu. So ein Mist. Chrissis Hintern tat von den dem ganzen Gehopse auf dem Gepäckträger richtig weh- ich hörte sie laut „Au, au, au!“ rufen. Doch Grinsi fuhr immer weiter und schneller, bis ihm eine große Baumwurzel im Weg war. Er sah sie zu spät, konnte nicht mehr ausweichen und flog im hohen Bogen vom Fahrrad. Grinsi! Was ist los? Wir riefen und riefen, doch Grinsi bewegte sich nicht. Das Fahrrad lag noch an der Wurzel. „Der ist tot!“ rief Chrissi. „Halt den Mund !“schrie Blendax. Wir rasten so schnell wir konnten. Alles flog an uns vorbei, die Äste, die bis dahin schon Schrammen an unseren unbekleideten Beinen hinterließen genauso wie der Amizaun rechts von uns. Grinsi lag mit dem Gesicht nach unten auf der Lichtung. Blendax schrie verzweifelt nach seinem Bruder, der aus einer Furche am Kopf blutete. Wir versuchten ihn um zu drehen, und schüttelten ihn. Keine Reaktion. „Ruf einen Notarzt! Fahr nach Hause, Chrissi, nimm mein Fahrrad!“ schrie ich Chrissi an. „Musst dich nicht beeilen! Ihr Angsthasen- mir passiert doch nix.!“ Grinsi lachte und wir standen völlig erschrocken um ihn herum. „Du Blödmann! Du hast uns zu Tode erschreckt! Wart nur, ich geb dir gleich eine!“ Völlig außer Atem ließen wir uns ins Gras fallen. Alle waren froh, dass Grinsi bis auf ein paar Schrammen heile war.

Ich schaute in den Himmel und malte mir für ’ne Sekunde aus, was gewesen wäre, wenn Grinsi den Sturz nicht so gut überstanden hätte. Ich weiß nicht mehr wie lange wir im Gras lagen, aber jeder brauchte eine richtige Pause. Ich drehte mich zu Blendax um „Weinst du?“ „Nein, wir sind Jungs, wir weinen nie!“ Er weinte, weil er froh war, dass nix passiert war. Ich sah hinter ihm in den Wald. Das Gehölz war zwar dicht, aber die Strahlen der Mittagssonne erhellten die Szene. „Leute, seht ihr das?“ „Was denn?“ „Da hinten im Wald! Moment, wo ist meine Karte?“ Ich zog die Karte heraus und sah, dass wir nahe an einer grün eingezeichneten Markierung waren. „Da ist es!“ „Was? Was meinst du?“ „Das Schwimmbad!!“ Der kleine Marcel schaute ungläubig in den Wald . Wir packten schnell unsere Sachen zusammen und liefen in das angrenzende Wäldchen. Ein Stück am Hochsitz vorbei und dann links. Das soll es sein? Chrissis Bruder war zuerst ganz enttäuscht- ein bisschen waren wir es alle. Da war kein Schwimmbecken mehr, da war keine Liegewiese, wie wir es aus Miesau gewohnt waren. Wir fanden nur drei Startblöcke, die verloren aus dem Unterholz des Waldes ragten. Die Stätte war zwar kein Schwimmbad mehr, aber wir hatten einen richtigen Abenteuerspielplatz gefunden. Blendax, Marcel und Grinsi stiegen auf die Startblöcke und ich war der Trainer. Ich pfiff durch meine imaginäre Pfeife und die Jungs schwammen in unserer aller Phantasie durch das Schwimmbad. Chrissi klatschte sie ab, wenn sie die FantasieBahnen wechselten. Alle waren ausgelassen und fröhlich. Irgendwann setzte die Dämmerung ein und wir merkten, dass wir die Zeit vergessen hatten. Schnell sprangen wir auf die Räder und sputeten uns noch vor Sonnenuntergang zuhause zu sein. Wir waren uns alle klar, dass uns eine mega Standpauke zuhause erwarten würde- wir hatten uns davon gestohlen und keine Nachricht hinterlassen. Wie ihr euch vorstellen könnt, fiel die Strafpredigt sehr heftig aus. Ich hatte zwar keinen Hausarrest, aber einfach die Bonanza-Zeit zu streichen, das war hart. Aber es war erst der Anfang eines wundervollen Sommers in unserer Siedlung. Wir hatten unser erstes Abenteuer bestanden und wir hatten ein Geheimnis, das Geheimnis vom alten Schwimmbad in Schönenberg. 

**AUFRUF/ ANKÜNDIGUNG**

Vielen Dank für die vielen netten Kommentare, Nachrichten und euerm Interesse an den Geschichten von der Siedlung in Kübelberg. Ich freue mich sehr darüber 🙂 Ab kommendem Samstag werde ich immer samstags eine Geschichte von der Siedlung der 80er Jahre posten.

Wenn ihr Fotos habt, die ich meinen Texten beiordnen kann, dann zögert nicht, sie mir zu schicken. Es können auch Fotos aus anderen Teilen des Dorfes sein, auch aktuelle 🙂 Per Email an nadine@diesiedlung.com wäre super. Dabei bleibt natürlich immer die DSVGO gewahrt. Gesichter und andere Bereiche der Fotos werden auf Wunsch verpixelt und, wenn es jemand möchte, wird er auch gerne verlinkt.

Die ersten Fotos sind schon bei mir eingegangen und bereits auf dieser Seite veröffentlicht. Danke schon mal 🙂Schaut mal nach 🙂Nadine

DIE SIEDLUNG- VORWORT

Könnt ihr euch noch an die Zeit erinnern, als die Maoams in den Hosentaschen klebten, als eure Hosen mehr grüne Grasflecken hatten als blaue Jeansfarbe? Als das Bällchen Eis 20 Pfennige kostete und morgens das Milchauto die Straße entlang fuhr? Ja, das könnt ihr? Dann seid ihr dort, wo meine Geschichten von der Siedlung spielen, in den 80ger Jahren.
Die Siedlung war eine neue Straße in einem alten Dorf am Rande der Westpfalz. Nicht alle Bauplätze waren bebaut, es gab jede Menge Spielplatz- ganz ohne Spielgeräte, unsere Spielgerät war unsere Fantasie. Wir, das waren Erik, den alle Grinsi nannten und sein Bruder Markus, der mal das Zahnwasser seiner Oma getrunken hatte und deswegen Blendax genannt wurde. Wir, das waren auch die Kinder der Familie Mika, Chrissi- die Tapfere, Marcel, der Kleinste und Sabine, die älteste der Mika-Bande, die sich immer um alles und jeden kümmerte. Besonders ihr Gerechtigkeitssinn war ausgeprägt und sie zauderte auch nicht, den Jungs mal eine zu donnern. Immer dabei war auch mein Cousin Alex, der zwar nur zwei Monate jünger, aber gefühlte 50 cm kleiner als ich geraten war.


Wir wohnten zur Miete, etwa 50 Meter von meiner Großmutter entfernt. Ihr Haus war das Zentrum der Straße, es war der Treffpunkt der Nachbarschaft. Das Gasthaus war mein zweites Zuhause, mit Oma, Opa und all den mehr oder weniger skurrilen Gästen.


Die Siedlung begann am Ende des Homburger Weges und führte den Berg hinauf, vorbei an vielen Häusern, Omas Kneipe, unserer Wohnung, dem BrachGrundstück, das unser Bolzplatz war, der Einmündung Elisabethenstraße, der alten Grabsteinmacherei bis hinauf in den älteren Teil unserer Straße, dessen Mittelpunkt Frau Langs alter Tante-Emma-Laden bildete. Direkt nebenan wohnte mein Cousin- nach rechts verlief die Straße, vorbei an der großen Tanne, der Einmündung zum Pfarrwäldchen und dem Stegwoogerweg, bis nach ein paar weiteren Metern auf der linken Seite das alte Schulhaus stand und die örtliche Polizeistation ihr Quartier bezogen hatte. Die Herzogstraße fand ihr Ende, dort, wo es sich heute noch befindet- zwischen dem Gasthaus Schleppi rechts und einem Bauernhof links mündet sie in die Hauptstraße- nur finden heute keine waghalsigen Abbiegemanöver mehr statt- eine Ampel regelt den Verkehr. Vieles hat sich verändert in meiner alten Straße.

Einiges ist neu hinzu gekommen, anderes- wie die große Tanne- ist verschwunden. Nun sind wir Kinder von damals erwachsen und es fällt manchmal schwer sich an jedes Detail unserer aufregenden Kindheit in unserem kleinen Dorf zurück zu erinnern. Damit diese Zeit nicht vergessen wird, schreibe ich meine Geschichten. Keiner in meinen Geschichten heißt so wie im echten Leben, bei manchem ist vielleicht meine Erinnerung getrübt, aber das Meiste war genau so- am Amizaun, in der Siedlung, am Rande der Westpfalz, in Kübelberg.