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**AUFRUF/ ANKÜNDIGUNG**

Vielen Dank für die vielen netten Kommentare, Nachrichten und euerm Interesse an den Geschichten von der Siedlung in Kübelberg. Ich freue mich sehr darüber 🙂 Ab kommendem Samstag werde ich immer samstags eine Geschichte von der Siedlung der 80er Jahre posten.

Wenn ihr Fotos habt, die ich meinen Texten beiordnen kann, dann zögert nicht, sie mir zu schicken. Es können auch Fotos aus anderen Teilen des Dorfes sein, auch aktuelle 🙂 Per Email an nadine@diesiedlung.com wäre super. Dabei bleibt natürlich immer die DSVGO gewahrt. Gesichter und andere Bereiche der Fotos werden auf Wunsch verpixelt und, wenn es jemand möchte, wird er auch gerne verlinkt.

Die ersten Fotos sind schon bei mir eingegangen und bereits auf dieser Seite veröffentlicht. Danke schon mal 🙂Schaut mal nach 🙂Nadine

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DIE SIEDLUNG- VORWORT

Könnt ihr euch noch an die Zeit erinnern, als die Maoams in den Hosentaschen klebten, als eure Hosen mehr grüne Grasflecken hatten als blaue Jeansfarbe? Als das Bällchen Eis 20 Pfennige kostete und morgens das Milchauto die Straße entlang fuhr? Ja, das könnt ihr? Dann seid ihr dort, wo meine Geschichten von der Siedlung spielen, in den 80ger Jahren.
Die Siedlung war eine neue Straße in einem alten Dorf am Rande der Westpfalz. Nicht alle Bauplätze waren bebaut, es gab jede Menge Spielplatz- ganz ohne Spielgeräte, unsere Spielgerät war unsere Fantasie. Wir, das waren Erik, den alle Grinsi nannten und sein Bruder Markus, der mal das Zahnwasser seiner Oma getrunken hatte und deswegen Blendax genannt wurde. Wir, das waren auch die Kinder der Familie Mika, Chrissi- die Tapfere, Marcel, der Kleinste und Sabine, die älteste der Mika-Bande, die sich immer um alles und jeden kümmerte. Besonders ihr Gerechtigkeitssinn war ausgeprägt und sie zauderte auch nicht, den Jungs mal eine zu donnern. Immer dabei war auch mein Cousin Alex, der zwar nur zwei Monate jünger, aber gefühlte 50 cm kleiner als ich geraten war.


Wir wohnten zur Miete, etwa 50 Meter von meiner Großmutter entfernt. Ihr Haus war das Zentrum der Straße, es war der Treffpunkt der Nachbarschaft. Das Gasthaus war mein zweites Zuhause, mit Oma, Opa und all den mehr oder weniger skurrilen Gästen.


Die Siedlung begann am Ende des Homburger Weges und führte den Berg hinauf, vorbei an vielen Häusern, Omas Kneipe, unserer Wohnung, dem BrachGrundstück, das unser Bolzplatz war, der Einmündung Elisabethenstraße, der alten Grabsteinmacherei bis hinauf in den älteren Teil unserer Straße, dessen Mittelpunkt Frau Langs alter Tante-Emma-Laden bildete. Direkt nebenan wohnte mein Cousin- nach rechts verlief die Straße, vorbei an der großen Tanne, der Einmündung zum Pfarrwäldchen und dem Stegwoogerweg, bis nach ein paar weiteren Metern auf der linken Seite das alte Schulhaus stand und die örtliche Polizeistation ihr Quartier bezogen hatte. Die Herzogstraße fand ihr Ende, dort, wo es sich heute noch befindet- zwischen dem Gasthaus Schleppi rechts und einem Bauernhof links mündet sie in die Hauptstraße- nur finden heute keine waghalsigen Abbiegemanöver mehr statt- eine Ampel regelt den Verkehr. Vieles hat sich verändert in meiner alten Straße.

Einiges ist neu hinzu gekommen, anderes- wie die große Tanne- ist verschwunden. Nun sind wir Kinder von damals erwachsen und es fällt manchmal schwer sich an jedes Detail unserer aufregenden Kindheit in unserem kleinen Dorf zurück zu erinnern. Damit diese Zeit nicht vergessen wird, schreibe ich meine Geschichten. Keiner in meinen Geschichten heißt so wie im echten Leben, bei manchem ist vielleicht meine Erinnerung getrübt, aber das Meiste war genau so- am Amizaun, in der Siedlung, am Rande der Westpfalz, in Kübelberg.

Partnerblog „Zaungeschichten.com“ im TV

Ihr wundert euch bestimmt, weshalb meine Schreibaktivität hier auf der virtuellen Siedlung nahezu ruht. Was steckt dahinter? Wie ihr vielleicht wisst, führe ich noch einen Partnerblog: http://www.zaungeschichten.com . Auf diesen Blog ist der saarländische Rundfunk gestoßen und hat über uns hier im Quartier in Sarreguemines eine Reportage gedreht. Wenn ihr neugierig seid, wie wir hier leben, schaut euch am Montag, 12.10.2020 um 18.50 Uhr die Sendung WimS- Grenzenlos beim Saarländischen Rundfunk an 😉 Und wenn ihr euch für das Leben hier in Saargemünd interessiert, dann seid ihr eingeladen in den Zaungeschichten zu schmökern.

bis ganz bald, eure Nadine

Die Siedlung- Das Quiz V

Ihr wollt euer Wissen ausprobieren? Dann spielt mit bei „DIE SIEDLUNG- DAS QUIZ V“ ! Einfach auf das Foto klicken- und los geht’s 😉 Viel Spaß! Zur Verlosung unter allen Teilnehmern, die bis 12.09. , 17.59 Uhr miträtseln, stehen zwei „Kiwwelberjer Tassen“ von http://www.diesiedlung.com 🙂

Musicbox und BonanzaHorst

Die Schule fing wieder an und die Siedlung versank in dem ihr ganz eigenem Rhythmus. Die Erwachsenen fuhren wieder zur Schicht, die Kinder pilgerten brav zur Schule. Die Grundschule war schon etwas älteren Semesters, aber das Schulzentrum mit neu gebauter Haupt- und Realschule war gerade erst gegründet worden. So gab es mittags an den vielen gedeckten Tischen einiges zu erzählen von neuen Lehrern, neuen Schulen und neuen Freunden. 

Bei mir folgte der Tag einem eigenen Schema. Den morgendlichen Teil verbrachte ich wie alle anderen in der Schule. Schule war ganz nett- die meiste Zeit sehr interessant, aber mein Leben spielte sich nach Erledigung der Hausaufgaben draußen ab. Eine der aufregendsten Zeiten des Tages war die Mittagszeit. Ich kam aus der Schule heim zu Oma. Dort wohnte zu der Zeit noch meine Tante Rosi. Sie hatte gerade ihre Friseurinnen-Lehre abgebrochen und lungerte -sehr zum Unmut meiner Großeltern- zuhause rum. Ich mochte es sie zu ärgern und sie genoss es, wenn sie mich plagen konnte. 

Mittags, wenn ich aus der Schule kam, lief im Radio die SWF3- Musicbox. Ich glaube alle haben sie gehört- immerhin war der damalige Südwestfunk der erste Sender der ARD, der eher für junge Leute sendete. Jahre später war bei mir im Küchenradio und im Autoradio ganz klar 97.5 UKW eingestellt. Bis heute wechsele ich zu SWR3, wenn ich aus dem Bereich des Saarländischen Rundfunks Richtung Siedlung herausfahre. Also Rosi, die etwa 14 Jahre älter als ich war, war völlig darauf versessen die neuesten Hits auf SWF3 zu hören- und ich- ich war darauf aus, ihr einen Strich durch die Rechnung zu machen. Wenn ich nach hause kam, rannte ich zum Radiorecorder, vor dem meine Tante schon mit großen Ohren saß. Sofort entstand ein Gerangel, bei dem meine Tante zumeist den Kürzeren zog. „Weg da, du Mistkröte! Da läuft gerade das neueste Lied von Kim Wilde! Finger weg vom Radiorecorder“ „Lass mich meine Kassetten einlegen!“ Sie versuchte mich weg zu drücken- keine Chance. Ich schaltete auf Kasettenmodus und warf meine HanniNanni oder BlackBeauty Märchenkassetten ins Kassettendeck. Rosi schaute hilfesuchend zu meiner Oma, die während unserer mittäglichen Auseinandersetzungen ganz oft am Herd gerade das Mittagessen zubereitete. Sie schaute dann die meiste Zeit nur mit mildem Blick zu uns herüber und antwortete mit „Ach lass das Kind doch!“„Mamme, das kann doch nicht dein Ernst sein! Sie macht das jeden Tag!“ Mit energischem Ton versuchte sich meine Tante zu behaupten. Aber meine Großmutter hatte das schlagendste Argument von allen: „Musst du nicht Bewerbungen schreiben? Hast du überhaupt Zeit dir diese ganze Musik anzuhören? Ich schau mir das nicht mehr lange an, dass du zu Hause sitzt und nichts machst!“ Rosi war dann beleidigt und still. Sie hatte dem nichts entgegen zu setzen. Schmollend zog sie sich zurück in ihr Zimmer. Meistens kam sie dann noch nicht mal mehr zum Essen runter. Sie protzte in ihrem Zimmer auf ihrer grünen Cordcouch und drehte die Rolling Stones so laut auf, dass ich unten kaum meine MärchenKassetten hören konnte und Oma am Rande des Nervenzusammenbruchs war. Oft gipfelte das ganze dann in einer Auseinandersetzung zwischen den beiden, bei der dann mein Großvater am Ende das Machtwort sprach. Die Diskussionen zwischen meiner Tante und meinen Großeltern hab ich eigentlich nur so am Rande mit beobachtet, für mich war wichtig, dass ich mich mit meinen Märchenkassetten durchgesetzt hatte. Ich hatte gewonnen- wie so oft bei Oma. 

Unsere Familie umfasste aber nicht nur Oma, meine Tante, mich, nein- da war auch noch meine Uroma. Sie war keine Kübelbergerin, sie wohnte zwar in Schönenberg, stammte aber aus Brücken. Uroma hatte irgendwann meinen Uropa Richard aus Schönenberg geheiratet, auf dem Sandhiwwel ein Haus gebaut und dort ihre Söhne und Töchter großgezogen. Sie hatte viel erlebt und im Laufe der Jahre hatte ihr Gehör gelitten. Ich habe es oft erlebt, dass gerade bei älteren Leuten eine Art selektives Gehör einsetzt- aber bei meiner Uroma Krupp war das eine AltersAngelegenheit. Elsa, die klein und zierlich, immer brav an der Seite meines als sehr sturen und eigensinnig geltenden Urgroßvaters verbrachte, teilte mit mir und meinem Cousin Alex- den beiden jüngsten Sprossen- eine Vorliebe für Cowboy-Filme. Winnetou stand bei ihr wie bei uns hoch im Kurs- die Cartwrights aus Bonanza waren quasi schon Teil der Familie. Einmal danach gefragt, weshalb sie nicht so kochen würde wie deren chinesischer Koch Hop-Sing, antwortete sie in ihrer unverfälschlichen Art: „Die Chinesen essen so viel Hund- und das möchte ich auf keinen Fall essen!“ Es gab Ende der 70er, Anfang der 80er ein Bonanza-Kochbuch, dass ihr meine Cousine Agnes, die mit ihr im Haus wohnte, mal zu Weihnachten geschenkt hatte. Elsa rührte es nicht an- sie hatte so große Angst davor, darin könnten sich wirklich Hunderezepte befinden, dass es bis zu ihrem Ableben unbenutzt im Regal stand. Heute ist es in meinem Besitz und ich muss jedes Mal lachen und an Uroma denken, wenn ich es in die Hand nehme. Wie schon gesagt, hatte Uroma Elsa schon viel erlebt und die Amerikaner, die nach dem Krieg Einzug in Schönenberg und Kübelberg hielten, waren ihr zu Anfang recht suspekt. Als sich dann Fernsehen und amerikanische Serien in die Kruppsche gute Stube  in der Zwerchstraße einschlichen, da konnte sich UrOma erst richtig mit der damaligen Besatzungsmacht anfreunden. Die Amipfalz wurde geboren und nicht nur meine Urgroßeltern profitierten- wie so viele andere- von den Neuankömmlingen. Nur mit den amerikanischen Namen hatte Elsa ihre Probleme- Ben Cartwright, Little Joe und Adam konnte sie gut verstehen. Nur mit einem Namen der CartwrightBrüder— der ihr zudem noch am Besten gefiel- konnte sie nix anfangen. Er irritierte sie vollends. Irgendwann besuchte sie uns auf der Siedlung. Wir saßen in Omas Kneipe bei Kaffee und Kuchen- und da waren zwei Amerikaner, die sich ein deutsches Bier gönnten. Ich kann mich so gut erinnern. Die beiden waren in Uniform und stießen auf ihren Dienstschluss an. Sie grüßten zu Uroma und mir herüber, hoben ihre Barette „Good Evening, Ma’am!“ und erzählten miteinander. Uroma hatte am Abend zuvor die neueste Folge Bonanza geschaut und wollte nun Klarheit über den Namen, den sie nie richtig verstand. Die beiden Amerikaner schienen ihr von Natur aus geeignet zu sein, ihre Frage über den schwergewichtigsten Sohn der Cartwright zu klären. Völlig unerwartet für uns erhob sie sich von unserer Kaffeetafel und ging zu den Soldaten hinüber. „Guten Tag die Herren! Woher kommen sie denn?“ Oma war klar, dass nur jemand aus Texas oder den wilden Westen diese Frage richtig beantworten konnte. Eine der beiden Amis schaute sie an lächelte und sagte auf deutsch „Heute aus Miesau, Ma’am“ Oma schaute etwas verdutzt, weil sie diese Antwort nicht erwartet hatte. „Aber sie sind doch Amerikaner? „Ja das sind wir. Aber mein Großvater ist vor dem Krieg nach Amerika ausgewandert. Deswegen kann ich auch deutsch sprechen. Er kam aus Brücken und ist dann nach Denver gezogen. Ich komme also aus Denver!“ UrOma schaute mich an: „Liegt Denver im wilden Westen?“ „Bestimmt!“ antwortete ich, obwohl ich keine Ahnung hatte, wo Denver lag. Ich kannte nur den „Denver-Clan“ und den kannte Uroma auch, aber da ging es um Öl und nicht um den wilden Westen. Sie ließ nicht locker und fragte weiter: „Liegt Denver denn im wilden Westen?“ Der Amie schaute sie amüsiert an: „Ja im Süden und im Westen zu zu sagen.“ Damit war Oma zufrieden. Die Kompetenz ihre so dringliche Frage zu beantworten war also festgestellt und sie freute sich sichtlich. „Also Sie müssen mir bitte eine Frage beantworten: wieso haben alle Söhne von Ben Cartwright bis auf Horst englische Namen?“ Der Ami versuchte höflich zu bleiben und sich das Lächeln zu verkneifen. „Ma’am, da haben sie vielleicht etwas falsch verstanden. Der Sohn – sie meinen den fülligeren- der heißt HOSS!“ Uroma schaute ganz verdutzt und sagte: Ja, ja, HORST Cartwright. Ich sag’s doch! Ist das nicht seltsam?“ „Ma’am, er heißt wirklich Hoss, nicht Horst.“ „Jaja, HORST ist wirklich seltsam für die Cartwrights! Deswegen frag ich sie ja. Wie heißen sie denn?“ „Ich heiße Siggi, wie mein deutscher Großvater.“ antwortete der Amerikaner „Also, das ist auch kein amerikanischer Name- bestimmt hatte der Horst Cartwright auch deutsche Vorfahren. Bestimmt eine deutsche Mutter. Die haben sie in der Serie wohl vergessen- oder ich habe es überhört – wissen sie, ich höre nicht mehr gut.“ Der Amerikaner schaute mich lächelnd an und fragte: Und wie heißt du?“ „Nadine!“ „Na, dann bist du wohl Französisch!“ „Nein, mein Herr, sie ist deutsch, ganz so wie der Horst Cartwright!“entgegnete ihm Uroma. Jeder musste lachen, die ganze Kneipe lachte und Uroma stand entrüstet mittendrin. „Jetzt könnt ihr lachen, aber ohne mich wäre die Sache mit dem Bonanza-Horst nie geklärt worden!“ Das Lachen der anderen Gäste schallt mir immer noch in den Ohren, Uroma musste irgendwann mitlachen-  ich werde diesen Moment nie vergessen. 

Sommer, Eis und KolpingBande (1984)

Die Schule sollte am 23. August wieder beginnen. Wie immer fuhren wir vorher nach Schönenberg „ins Dorf“ zu Schreibwaren Altherr, um die bestellten Schulbücher abzuholen. So auch an diesem letzten Donnerstag der Ferien. Alles war schnell erledigt, die Zettel wurden überprüft, die Listen durchgesprochen, die neuen Bücher, Hefte und Umschläge eingepackt. Mittags waren wir wieder zu Hause.

Es war warm an diesem Donnerstag, das Thermometer bescherte den Kübelbergern einen sonnigen Spätsommertag. Wie so oft stiegen Blendax, Grinsi und ich auf unser Fahrrad und fuhren zum Bolzplatz der Grundschule. Damals lag zwischen der Elisabethenstraße und der Grundschule eine Wiese mit einem Trampelpfad, den wir regelmäßig als unseren Schulweg betrachteten. Der Bolzplatz war lediglich mit rotem Split bedeckt, am hinteren Ende befand sich die Sprunggrube, bei der ich mich, während des Sportunterrichts, wenig erfolgreich im Weitsprung versuchen musste. An der Wand, die den Bolzplatz zur Schule hin begrenzte, waren die Entfernungen für die 50m- Bahn eingezeichnet. Mein dortiges Bemühen war ebenfalls weniger erfolgreich und so gereichte mein sportliches Engagement meinen Mitschülern immer wieder zu allgemeiner Belustigung.

Aber noch hatten wir Ferien und die Angst vor der Leichtatletik-Sporteinheit war nicht allzu groß. Wir fuhren also mit unseren Fahrrädern über diesen Platz und setzen uns anschließend in die der Elisabethenstraße zugewandte Ecke. Grinsi begann mit einem Stock Muster in den roten Kies zu zeichnen und wir versuchten uns gegenseitig durch immer größere Zeichnungen zu übertreffen. „Nächste Woche sind wir wieder hier!“ sagte Grinsi und er schien sich wirklich auf die Schule zu freuen. Wir würden in die vierte Klasse kommen, die letzte Klasse der Grundschule, wir würden zu den Großen gehören. Ich gehörte zwar wegen meiner Körpergröße immer zu den Großen, aber für die beiden kleineren Grinsi und Blendax bedeutete es natürlich etwas, auch mal zu den Großen -wenn auch nur alterstechnisch gesehen- zu zählen. So saßen wir da, kickten nachdem wir den Spaß an den Sandzeichnungen verloren hatten, mit Blendax’ Ball hin und her bis der Ball in die Ecke der großen Treppe, die vom Bolzplatz zum Schulhof hoch führte, flog. War ja klar, dass Blendax direkt hinterher hechtete, um weiter spielen zu können. Grinsi und ich schauten zu den Pferden meines Onkels Richtung Siedlung hinüber. Hinter unserem Rücken ging Blendax zur Treppe. Grinsi sprach gerade über den neuen Ranzen, den er für das neue Schuljahr bekommen sollte, als von hinten ein lautes „Hey ! Ihr da!“ zu uns herüber schallte. Wir erschraken und drehten uns um. Da war sie wieder, die KolpingBande stand vor uns. Einer der Größeren hatte Blendax am T-ShirtKragen gepackt und zog ihn hinter sich her. Sie waren dieses Mal zu viert. Ich kann mich genau an den Jungen erinnern, der ihr Anführer an diesem Tag war: es war der dürre Lappes- so nannten wir ihn jedenfalls. Er war ungefähr so groß wie ich. Jetzt standen wir uns gegenüber, Grinsi und ich auf der einen Seite, die KolpingBande mit dem gefangenen Blendax auf der anderen Seite. Da trat ihr Anführer auf mich zu „Hey du! Deine Oma hat doch eine Kneipe!“ Er schien mich mit seinem Blick zu fixieren. Ich hatte solche Angst, dass ich 2 oder 3 Schritte nach hinten machte, dort fiel ich dann über Grinsis Stock, mit dem er zuvor noch in den Sand gemalt hatte. Ich landete auf dem Hosenboden, da trat der Lappes über mich. Er setzte sich auf mich, hielt meine Hände fest, und drohte mir mit den Worten: „Nadine, ich weiß genau dass deine Oma Eis verkauft. Wenn du mir morgen hier um 14:00 Uhr kein Eis bringst, dann kannst du was erleben! Hast du das verstanden?“ Die anderen Kolpings standen mit verschränkten Armen, stumm um uns herum. „Ja! OK!“ stammelte ich vor mich hin. Ich spürte seinen Atem und durch die Kraft seiner Hände vermochte ich seinen ganzen Willen zu verspüren, seine Drohung wahr zu machen. Grinsi stand starr vor Angst neben mir. Lappes erhob sich, drehte sich zu seinen Jungs, klopfte ihnen auf die Schulter, während sie Richtung Treppe zum Schulhof davon gingen. „Sind sie weg? Aua, meine Schulter. Die haben ganz schön zugepackt!“ „Ja, kannst aufstehen!“ versuchte Grinsi seinen Bruder zu beruhigen. Blendax stand vom Boden auf und schüttelte den Staub von sich. Er sah mich an, neigte den Kopf und flehte: „Du musst unbedingt Eis bringen, sonst ärgern die uns immer weiter!“ Wortlos stiegen wir auf unsere Fahrräder und fuhren Richtung Siedlung davon.

An diesem Abend ging ich mit viel Bauchweh ins Bett und selbst ein Stück Schokolade konnte meinen Kopf nicht beruhigen. Ich versuchte mir in Gedanken vorzustellen, wie ich bei Oma einfach ein Eis nehmen könnte- wenn sie nicht im Kneipenraum war, waren da Gäste und wenn sie in der Küche war- über Mittag, dann war die Ecke mit der Eisbox, in der das Eis aufbewahrt wurde vom Spülstein gut einzusehen. Ich wusste nicht, wie ich es anstellen sollte: wenn ich Lappes verraten würde, dann glich mein Schulweg fortan einem Spießrutenlauf. Wenn ich ein Eis klauen würde, dann würde Oma sehr böse auf mich sein…. wenn ich kein Eis bringen würde, dann würde Lappes mich sicherlich hauen. Schwierige Lage. Da war guter Rat teuer. Doch so sehr ich mich auch in dieser Nacht hin und her wälzte, ich fand keine gute Lösung. Entweder ich blieb auf der Strecke oder ich blieb auf der Strecke. Am nächsten Tag war ich erst gegen 11 bei Oma. Sie bemerkte, das irgendwas nicht stimmte. „Alles in Ordnung?“ fragte sie mich, als ich zum gefühlten zehnten Mal die Schritte von der Eisbox bis zur Haustür zählte. „Ja, ja… alles ok!“ Um 13 Uhr gab’s was zu essen. Bratkartoffeln, Spinat und Ei- ich weiß es noch wie heute. Wir erzählten über alles Mögliche, doch der Zeiger der Uhr war gnadenlos, er rückte unentwegt auf die 14 Uhr vor und ich wusste, was das bedeutete… Doch wie sollte ich an das Eis kommen? Doch dann- so als wären meine Gebete aus letzter Nacht erhört worden- sagte Oma kurz nach dem Essen „Ich muss schnell noch meine Wäsche aufhängen! Ich bin gleich wieder da!“ Opa verabschiedete sich nach oben und so war der Weg für mich frei zur Eisbox. Ich nahm mir ein Orangenschiebeeis, schloss mit dem schlechtesten Gewissen der Welt die Box und rannte zur Tür hinaus, sprang auf mein Rad und radelte schnurstracks zum Bolzplatz. Keiner war bei mir- ganz alleine stellte ich mich der Kolpingbande. „Hast du das Eis?“ „Ja, hier ist es!“ Genüsslich nahm der Lappes das Eis an sich, entfernte das orange Papier und schleckte die Frucht der Erpressung. „Lasst ihr uns jetzt in Ruhe?“ „Mal sehen!“ Lachte er mich an. „Wenn du das nochmal machst, dann sag ich’s meiner Oma! Und dann bekommt ihr Ärger!“ Ganz verwundert darüber, dass ich nicht vor ihnen zurückwich, schauten sie mir nach, als ich nachhause radelte.

Ich kam zur Tür der Kneipe hinein, da saß mein Großvater ernst am Stammtisch und zeigte Richtung Küche. Dort stand Oma beim Abwasch. „Eben warst du aber schnell weg!“ Ich wusste, dass sie es wusste. Und in diesem Moment ging eine Schimpftirade über mich nieder, die ich so noch nie von ihr gehört hatte. Sie sei maßlos enttäuscht, dass ich mir einfach ein Eis nehmen würde und nicht zuerst fragte. Sie lies nicht locker und ich traute mich ihr nicht zu sagen, in welcher misslichen Lage ich gewesen war. Sie hatte ja Recht- aber die Kolpingbande…Ich war still und ging ihr zwei Tage aus dem Weg. Das war im Übrigen immer eine gute Taktik, sie auch bei einfacheren Streichen zu beruhigen. Irgendwann in den nächsten Tagen sprach sie dann meinen Vater an: „Es kommt jo gar ned meh runner!“ Zu meiner Überraschung verpetzte sie mich nicht. Aber die Sache mit dem Chef der Kolpingbande, dem Lappes, war noch nicht zu Ende- dieser Meinung waren Grinsi, Blendax und Chrissi auch. „Wir müssen dem das heimzahlen. Du hattest so großen Ärger!“ meinte Chrissi.

So kam es, dass wir samstags darauf mit unseren Kettcars zur Kolpingstraße fuhren. Vor dem Haus des KolpingAnführers hielten wir an und drehten kurzer Hand das Ventil des davor stehenden Fahrrads ab. Plötzlich hörten wir, wie sich die Tür öffnete und der Kolping Lappes herauskam. Wir sprangen so schnell wir konnten auf unsere Kettcars und traten in die Pedale so fest es ging- ich glaube ich war erst wieder Jahre später mit dem Auto so schnell auf vier Rädern unterwegs. Er versuchte uns hinterher zu kommen, aber seine Reifen waren platt. Und als wir weiter unten an der Kreuzung zur Elisabethenstraße waren, hörten wir ihn schreien: „Na wartet, euch krieg ich noch!“ Aber dazu musste er zuerst ein neues Ventil kaufen und den Reifen wieder aufpumpen. „Dann komm doch!“ schrie Chrissi zurück. In sicherer Entfernung hielten wir kurz an, drehten ihm eine lange Nase, lachten, steckten uns einen der vorher bei Frau Lang gekauften Lollis in den Mund und freuten uns, dass wir es ihm ein wenig heimgezahlt hatten. Die Schule konnte nun kommen.